Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Jahre der Entscheidung [Rezension]
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 383 (sequence 3)
- Language
- German
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Campagna gekommen waren — so wird erzählt — und über die weite gelbe Ebene hin zum erstenmal das gewaltige Summen und Surren der Weltstadt vernahmen, da warfen sie sich zu Boden und zerrissen ihre Kleider vor Verzweiflung über die Übermacht Edoms. Werden wir uns aufraffen können, dem neuen Cäsar entgegenzuziehen? Was wird uns Palästina bedeuten? Sind wirNichtarier oder sind wir Europäer? Wer wird uns antworten? Spengler spricht von der Rasse, „die man hat", im Gegensatz zu der Rasse, „zu der man gehört". Daß wir nicht zu einer Rasse „gehören", weil wir nichts als wir selber sind, weiß die moderne Wissenschaft, daß wir Rasse „haben", wußte schon Nietzsche. Und Spengler wird uns gewiß zustimmen, wenn wir sagen: sobald wir als Juden wieder „in Form" sind, werden wir im Europa von morgen geachtet sein. Werner Cahnmann. Vier Rabbiner-Bächer Leo Baeck,Wege im Judentum, Berlin, (Schockcnverlag) 1933. — Juda Bergmann, Das Judentum, Gedanke und G estaltung, Berlin, (Rubin Mass) 1933. — .Joachim Prinz, Wir Juden, Berlin, (Erich Rciss) 1933. — Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation, Berlin, (Philo Verlag) 1933. Seit den Märztagen dieses Jahres 1933 haben sich unzählige jüdische Federn in Bewegung gesetzt, um die neue Schicksalswende in unserem Dasein zu deuten, ihr einen tieferen Sinn für die gesamtjüdische Existenz zu geben, und vor allem um die bisher Abgewandten, nur der nichtjüdischen Umwelt Zugekehrten nicht allzu lang auf Zuspruch und Leitlicht warten zu lassen. Vier Werke von vier Führern der jüdischen Gemeinde Berlin liegen vor uns, sie beanspruchen über das Tagesgespräch hinaus Geltung, es kommt ihnen stellvertretende Bedeutung für die geistige Haltung der deutschen Juden von 1933 zu. Hier spricht das deutsche Judentum! Seine streng gläubigen und toratreuen Söhne hatten es freilich leichter, sie mußten nur das alte Wort „Um unserer Sünden willen" wiederholen und einander auffordern, „das von der Thora und den Propheten gcweissagte und von unserer ganzen rabbinischen Literatur in aller Tiefe erfühlte Golusschicksal des jüdischen Volkes in starkem Mute auf sich zu nehmen". (Der Israelit, 1933, Nr. 34.) Anders die Mehrheit des deutschen Judentums! Für sie und zu ihnen sprechen ihre Rabbiner aus ganzer Seele, in dem Jahr, da ihre Gemeinde seit ihrem Bestand am bereitesten zum Anhören ist. Unaufhörlich kreiste das Gehirn der deutschen Judenheit in den verflossenen Monaten um die Frage: wie konnte, was unseren Ahnen und uns selbst seit 150 Jahren als Rettung, Befreiung, als der einzige Ausweg vorkam, in Verhängnis und grenzenlose Ausweglosigkeit umschlagen, uns zum Vorwurf der Halbheit, des Verrats am Judentum und Deutschtum zugleich werden? Auf diese Frage geben die vier Rabbiner-Bücher, jedes auf seine Art, teils bewußt, lehrhaft, histo- 383