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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 381

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Jahre der Entscheidung [Rezension]
Date
1933-12-01
Page
381 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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^"üossm;^ Jahr Wir durchleben „Jahre der Entscheidung'*. In diesen Jahren, in denen die Grundkräfte des Guten und des Bösen aufgerührt werden, ist Oswald Spengler ein gewaltiger Erzieher zum politischen Denken. Er bekämpft die verhängnisvolle Neigung der Deutschen, alle Realitäten weltanschaulich zu vernebeln, das Gewünschte dem Wirklichen voranzustellen und es unmerklich hineinzulegen in das, was ist. Er wendei sich leidenschaftlich gegen jede falsche Idealisierung des fortdauernden und stets sich erneuernden Kampfes um die Macht. Die großen Männer der Geschichte sind für ihn die Menschen, die sich in diesem Kampf bewähren und Werke von Dauer zu schaffen vermögen. Bei kritischer Betrachtung wird man allerdings den Eindruck nicht abweisen können, daß auch in den Spcnglerschen Gedankengängen die Neigung zum Ideologischen durchbricht, obwohl sie der Absicht nach bekämpft werden soll. Die Strenge, Kühle, Unbeirrtheit, Brutalität und Menschen Verachtung werden zum Wert an sich erhoben. Der Mensch als „Raubtier" mag eine Tatsache sein; bei Spengler erhält er überdies den grotesken Heiligenschein, der seit Treitschke und Nietzsche allen Willensträgern der Macht zuerkannt wird. Eine solche unbewußte Umkehr des Realistischen ins Ideologische läßt sich bis ins Einzelne hinein feststellen. Der große Zorn gegen den sozialistischen Klassenkampf als der Entscheidung einen Sklavenaufstand der Neidgefühlc und eine gewollte Zerreißung der Lebenseinheit der weißen Rasse bestünde nur dann zu Recht, wenn er von der Erkenntnis begleitet wäre, daß der Klassenkampf von unten nicht zu beseitigen ist, solange der Klassenkampf von oben nicht aufgegeben wird. — So bleibt bei Spengler die Betrachtung des Tatsächlichen nicht wertfrei, obwohl sie vorgibt es zu sein. Hans B1 ü h c r spricht von einem „Aufstand Israels gegen die christlichen Güter". Bei Spengler ist der Aufstand des altrömischen Heidentums gegen Israel und die christlichen Güter proklamiert. Bliebe Spengler bei der Bestimmung der geschichtlichen Wirklichkeit stehen, er hätte eine große Aufgabe als Erzieher zum Realismus zu erfüllen. Da er moralische Wertung in die Anerkennung des Tatsächlichen hineinmischt, muß ersieh sagen lassen, daß er dem Konflikt des Großinquisitors mit seinem hohen Gefangenen, von dem Dostojewski erzählt, aus dem Weg geht. Die göttliche Gnade aber liebt „den, der Unmögliches begehrt*'. Freilich — durch solche hohen Zitate sind manche von den eifrigen jüdischen Kritikern Spenglers mindestens gleichermaßen gerichtet wie er selbst. Alle Lebenserfahrung lehrt uns, daß Spengler recht hat, wenn er den Menschen als „Raubtier" bezeichnet — wobei nur hinzuzufügen wäre, daß er kein „edles", sondern ein gemeines Raubtier ist — aber eine innere Stimme, die wir ebensowenig eine Lügnerin 381

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