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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 377

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
Date
1933-12-01
Page
377 (sequence 6)
Language
German
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Eine jüdische Kleinstadtgemeinde der eigentlich nicht dazu gehört, belastet durch sein Dabeisein den sich gerade bildenden Kreis so stark, daß die Brüchigkeitsgefahr von vornherein außerordentlich groß ist. Aus alledem ergibt sich, daß die bewußte Pflege der Geselligkeit sehr schwierig ist; wegen dieser Schwierigkeiten macht auch niemand den Versuch, sie zu pflegen. Dem Mangel an geselliger Fähigkeit geben die Einzelnen klagend Ausdruck. So herrscht.ein ebenso merkwürdiger wie komplizierter Zustand: die allzeit vorhandenen und immer unbefriedigten Sehnsüchte nach Geselligkeit brechen bei einem jeden neuen Versuch mit solcher Stärke hervor, daß jede Einheit der Geselligkeit erstickt wird und jedes gesellige Ereignis in seinem Verlaufe nicht die gewählten Fronten der Gesellschaft verstärkt, sondern sie verschiebt und neue bildet. Die zweite Generation, die wir als die Generation der Söhne bezeichnen wollen, kennt zwar noch die religiösen Formen, deren Sinngehalt sich aber durch die Dynamik des Krieges und der Nachkriegszeit rasch verflüchtigt hat. Zu dieser Generation gehört auch der Lehrer und Vorbeter. Er gibt den Kindern zweimal wöchentlich Religionsunterricht, versieht den Gottesdienst und predigt an ^den Feiertagen. Aus finanztechnischen Gründen ist er lebenslänglich angestellt. Er erhält ein Gehalt, das das Existenzminimum sichert und bei bescheidener Lebensführung auf alle Fälle ausreicht. Die Gemeinde hat ihm außerdem die Vertretung von Versicherungen verschafft und ihm die Unterstützung ihrer Mitglieder zugesichert, eine Geldquelle, die er mit großem Geschick zu nutzen gewußt hat. Eine spitze Zunge hat behauptet, der Lehrer versichere die Gemeinde Samstags vor Gott und Sonntags vor Unfall und Schaden. In diesem Ausspruch steckt die richtige Beobachtung, daß die Zusammenstellung von Vorbeter und Versicherungsagent nicht zufällig, sondern für das 19. Jahrhundert recht bezeichnend ist. Die Vermischung dieser beiden Berufe, des Beamten mit dem des Kaufmanns, bedeutet zugleich eine unheilvolle Vermischung der sich ausschließenden seelischen Strukturen des Beamten und des Kaufmanns überhaupt. Der Beamte ist gesichert und gehemmt zugleich. In Notzeiten, in denen der Kaufmann täglich um seine Existenz ringen muß, ist er gesichert, in Zeiten der wirtschaftlichen Blüte ist er an deren Ausbeute gehindert. Der Beamte bezahlt die Sicherung mit der Freigabe der „Chance", die sich dem Kaufmann bietet: sich im Leben mit eigener Kraft einen Platz zu erkämpfen oder zu verlieren. Die Bürokratie stellt so einen stabilisierenden Faktor dar, der in bewegten Zeiten bremsend wirkt, das Alte schützt und das Neue hemmt. Zugleich ist sie aber eine objektive Macht, die den Apparat allzeit gewissenhaft 377

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