Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 376 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rosenthal persönliche, freudige oder traurige Anlässe von einer außerpersönlichen Macht gesetzte, objektiv vorhandene Riten vorgeschrieben sind oder wenn Freundschaften und Feindschaften nach von der Gemeinschaft bestimmten, den Einzelnen objektiv verpflichtenden Normen geregelt sind; „gesellschaftlich" dann, wenn das Verhalten in das Ermessen, in das „Belieben" des Einzelnen gestellt ist, wenn er für sein Verhalten einsteht, ohne daß Normen verbindlich sind. Die ursprünglich vorhandene „gemeinschaftliche" Verbundenheit wurde noch durch enge Verwandtschaften verstärkt, so daß eigentlich das Fundament dieser Gemeinschaft von Blutsverbänden und Sippen gebildet wurde. Solche Sippen wirken durch ihr bloßes Dasein noch nicht gemeinschaftsfördernd, erst das gemeinsame Sippen be wußtsein gibt ihnen ihre Bedeutung. Dieses Sippenbewußtsein wurde aber durch die Einheirat fremder Frauen, die mit großer Kraft ihrer neugegründeten Familie ein eigenes Gesicht gaben, stark geschwächt; es brach mitunter bei sachlich oft gar nicht gerechtfertigter Gelegenheit wieder hervor und brachte in alle geselligen Gruppierungen eine starke Zweideutigkeit. Sie ist die Ursache dafür, daß diese Periode einen so unerfreulichen Zwischenzustand zwischen „Gemeinschaft" und „Gesellschaft" darstellte, daß die endgültige Lösung zugunsten des „gesellschaftlichen" Verhältnisses wie eine Erlösung empfunden wurde. Zu dieser Lösung hat die mit der Heirat der zweiten Generation verbundene Entfremdung sehr viel beigetragen. Nicht zu vergessen ist bei diesem Prozeß der Zeitgeist des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, der alle Bindungen lockerte und in Elemente zerlegte. Die jüdische Gemeinde ist schließlich in einem Zustand, in dem die gemeinschaftlichen Bande auf ein Mindestmaß beschränkt sind. Die beiden anderen Gesetze, das der selbstverständlichen Differenzierung der verschiedenen Gesellschaftskreise und das der strikten Innehaltung des Ausleseprinzips, scheitern an der zu geringen A\enschenzahl. Die Gemeinde gehört im großen und ganzen dem Mittelstand an. die eine Hälfte neigt zum großbürgerlichen, die andere zum kleinbürgerlichen Typus. Diese Tendenzen sind nicht stark genug, um die Gemeinde sichtbar in zwei Schichten zerfallen zu lassen. Die kleinbürgerliche Schicht, die im Stadtzentrum — Altstadt und City zugleich — wohnt, besitzt zu Zeiten ein kräftiges Ressentiment gegen die großbürgerliche Schicht, die im Außenviertel ansässig ist. Die geringe Anzahl von Menschen ist die Ursache dafür, daß das Ausleseprinzip nicht streng innegehalten werden kann und mit Rücksicht auf sachlich gar nicht gerechtfertigte Querverbindungen durchbrochen wird. Derjenige, 376