Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 378 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich liosenthal: Eine jüdische Klcinstadtgrmeinde und pfleglich bedient. Die Verquickung der beiden Berufe hat insofern Schaden angerichtet, als der Gemeinde in der Zeit stärkster Säkularisation jede objektive Instanz fehlte und die Jugenderziehung darunter ganz erheblich gelitten hat. Das Kind wird sehr rasch in einen Konflikt zwischen Schule und Elternhaus hineingetrieben. Der Lehrer ist auf die orthodoxe Lehre verpflichtet, mit der die Lebensführung der Familie nicht mehr in Einklang steht. Das Kind wird z. B. mit dem Gebot des täglichen Gebets vertraut gemacht, während das Haus diese Ueberlieferung nicht beachtet. Schlimmer als diese Unterlassungen wirken direkte Uebertretungen auf die kindliche Seele, etwa das Schreiben der Eltern oder des Kindes selbst am Sabbat. Dadurch wird in ganz entscheidender Weise die Stellung des Religionslehrers und die Stellung des Religiösen selbst relativiert. Außer der Herabsetzung des Lehrers in seiner Funktion als Lehrer findet noch eine persönliche Herabsetzung des Mannes dadurch statt, daß er mitunter die Ausübung von Riten verlangt oder bespricht, die, wie man weiß, von ihm selber nicht gehalten werden. Die Rclativierung des religiösen Bezirks und der Stellung des Lehrers, die Erfolglosigkeit des Unterrichts geben dem Lehrer Ursache, auf die von Jahrgang zu Jahrgang stärker werdende Säkularisierung schwächer und schwächer zu reagieren. Die Jugend, die in dieser Atmosphäre herangewachsen ist, weiß nur noch wenig von den religiösen Formen, diejenigen, die sie weiß, lebt sie nicht. Damit ist noch nichts über eine etwaige innere Religiosität ausgesagt. Die Zahl der Jugendlichen ist gering, denn die zweite Generation kennt nur noch das Ein- und Zweikind-System. Durch die Strukturveränderung, die der Weltkrieg hervorgerufen hat, ist der Lebensnerv der Gemeinde getroffen worden: die für diese Gemeinde charakteristischen Gesetzlichkeiten funktionieren nicht mehr. Es sind nur sehr wenig Familien abgewandert, für die aber die paar Zugewanderten keinen vollgültigen Ersatz bieten, da ihnen der Aufstieg nicht gelingt. Der Altersaufbau ist stark anormal. Den bereits im sechsten Jahrzehnt stehenden Familienhäuptern steht eine Schicht von Zwanzigjährigen gegenüber, die entweder in der Berufsausbildung sind oder durch die Wirtschaftskrise und die Ereignisse des letzten Jahres vor dem Nichts stehen. Der Weltkrieg hat insofern ■ noch eine Verzerrung des Altersaufbaues hervorgerufen, als eine Reihe von Fünfzigjährigen noch kleine Kinder hat. Angesichts eines solchen Befundes von einer hoffnungsfrohen Zukunft der Gemeinde sprechen zu wollen, wäre billiger Optimismus. Ob sich neue Lebensgesetze finden werden, muß die Zukunft lehren. 378