Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 374 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903380--06718-2903444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erich Roscnthal Samstags zu rauchen pflegte, steckte, wenn die Glaubensgenossen von der Synagoge zurückkamen, seine Zigarre weg, um ihr religiöses Gefühl nicht zu verletzen. Diese Haltung rechnete man dem Manne hoch an. Man hatte also schon gar kein Empfinden mehr dafür, daß er gegen das objektive göttliche Gebot verstieß und daß die Verletzung der subjektiven Gefühle gar nicht das Entscheidende sei. Die ganze Angelegenheit wird als eine Angelegenheit des Anstands und des „guten Tons" aufgefaßt. Wir berühren hier die für die Neuzeit grundlegende Erscheinung des Wandels einer objektiven Welt in subjektive Gehalte, wie sie in .glänzender Weise von Groethuysen in seiner „Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich" dargestellt ist und wie wir sie hier bei einer aufsteigenden Gruppe wiederfinden. Von dieser Entwicklung aus ist dann zu verstehen, daß die religiöse Welt an Wirkkraft verliert, daß die Söhne nicht mehr in der gleichen Weise im religiösen Bezirk verwurzelt sind wie ihre Väter. Hier wird sichtbar, warum die Erziehung nicht mehr aus religiösem Antrieb her erfolgt, daß es nur noch Form und bloße Tradition ist, daß man um die Antwort verlegen ist, wer es denn sei, der da befiehlt, daß „man" dies tun solle und jenes unterlassen müsse. Da ja doch nun einmal eine Lebensordnung notwendig ist, so läßt man ruhig die in vielen Generationen bewährte religiöse Ordnung im großen und ganzen bestehen. Sie bietet eine seelische Sicherung gegen Rückschläge und Unfälle im Leben, man deckt damit die radikale Frage der neuen Lebensgestaltung zu, man schützt sich vor Unruhe und Zweifel, und schließlich stellt diese genormte Ordnung einen nicht zu unterschätzenden gesellschaftsbildenden Faktor da. Wir legen Wert auf die Feststellung, daß das Entschwinden der religiösen Welt Väter und Söhne betrifft, daß die Söhne nicht im Gegensatz zu den Vätern stehen, sich in der Praxis höchstens radikaler entscheiden. So wird die Frage nach dem Charakter des „Man", das da ge- und verbietet, in die Rubrik Religionsunterricht verwiesen, der natürlich auch keine Antwort geben kann, da er ja nur die' oberste Sphäre des Technischen, also Erlernbaren im Gesamt des religiösen Bezirks vermitteln kann und nie mehr. Die Wirkung dieses Unterrichts scheint nicht sehr tief gegangen zu sein. Obwohl er mehr als einwandfrei „Hebräisch Lesen" vermittelt hat, hat er doch nie mehr erreicht. Der bereits in der religiösen Sphäre sichtbar gemachten Unsicherheit, dem langsamen Entgleiten der religiösen Normen entspricht auch die unentschiedene, unausgeglichene Haltung der Gemeinde als Sozialkörper. Zieht ein Jude von auswärts zu, so 374