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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 373

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
Date
1933-12-01
Page
373 (sequence 2)
Language
German
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Eine jüdische Kleinstadtgemeinde empfanden und das Religionsgesetz mit Strenge und Selbstverständlichkeit erfüllten. Die für die Großstadt bereits „fertigen" Juden stehen so am Ende eines Prozesses, den wir in seinen verschiedenen Phasen vom Beginn bis zum Ende, von den Großvätern bis zu den Enkeln, jetzt betrachten wollen. Die Generation der Großväter lebt vom Handel jeder Art, vom Handel mit Getreide, mit Fellen, mit Holz und Baustoffen, mit Metallen, mit Vieh und Textilien. Die Geschäfte sind Samstags geschlossen. Der Sabbat gehört der Gemeinde. Nach dem Gottesdienst frühstücken die Männer gemeinsam, nachmittags besuchen sich die Familien gegenseitig oder treffen sich zum gemeinsamen Kaffee. Statt Samstags wird Sonntag früh im Lager und im Büro gearbeitet. Das Leben erhält weitgehend seinen Rhythmus von den jüdischen Feier- und Trauertagen. Der Haushalt wird streng rituell geführt. Die Kinderzahl ist groß, sie sinkt nie unter drei. Diese Kinder, anfangs der achtziger Jahre geboren — also heute über 50 Jahre alt — sind die Träger der jetzigen Gemeinde. An der Form dieser Männer wird sichtbar, daß sich bereits in ihrer Jugend entscheidende Wandlungen vollzogen haben müssen. Orthodoxe Pflichterfüllung bedeutet eine harte Lebensführung, die, wie es scheint, am besten mit einer gleich harten profanen Lebensführung zu vereinbaren ist. Die Härte, die die Existenzgründung erforderte, scheint bald einer gewissen Bequemlichkeit gewichen zu sein, einer Weichheit gegen sich selbst und vor allem gegen die Kinder. Bequemlichkeit wird im 19. Jahrhundert genau wie heute erreicht durch Rationalisierung, d. h. durch Aufteilung einer Ganzheit in nebeneinander und nacheinander liegende Teile. Die Generation der Großväter hatte die Grundlage geschaffen, von der aus dann die Söhne wirtschaftlich und gesellschaftlich aufsteigen konnten. Da die Entwicklung wirklich im Sinne des Fortschritts ging, brauchte man die Söhne nicht mehr in den „Kampf um das tägliche Brot" einzubeziehen: das Brot war ja über den Tag hinaus gesichert. Entsprechend hielt man sie nicht mehr für das Gebet um das tägliche Brot an. Dies Gebet hat ja auch für eine satte Schicht seinen Sinn verloren. Die Großväter haben die Erfüllung der religiösen Pflichten als ihr Aufgabengebiet übernommen und die Söhne der allgemeinen Bildung überlassen, die damalsschon vollkommen verweltlicht war. Den Kindern wurden die religiösen Formen nicht mehr als religiöse eingebrannt. Der Befehl des „höchsten Königs" wurde verwässert zu der Alltäglichkeit des „man tut..". Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: ein Glaubensgenosse, der 373

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