Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Eine jüdische Kleinstadtgemeinde
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 372 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rosenthal: Eine judische Kleinstadtgemeinde Es handelt sich um eine Gemeinde von etwa 30 Familien mit ungefähr 110 Seelen in einer Industrie- und Kreisstadt von beinahe 20 000 Einwohnern, die in der Hauptsache als Arbeiter, Angestellte und Beamte in der eisengewinnenden und eisenverarbeitenden Industrie Beschäftigung finden. Die Stadt liegt 15 km von einer doppelt so großen Universitätsstadt und 70 km entfernt von der Großstadt, die den wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt des gesamten Gebietes darstellt. In ihrer heutigen Gestalt ist die jüdische Gemeinde weitgehend von dem von den Großvätern gelegten Fundament bestimmt, von den Männern, die um 1S50 geboren sind und zwischen 1S75 und 18S0 auf den Plan treten. An sich geht die Erinnerung der Enkel kaum weiter zurück als bis zu den Großvätern; in unserem Falle aber reicht die Erinnerung der Väter auch nicht weiter als die der Enkel, da die Kontinuität der Erinnerung abreißt. Die Großväter sind unverheiratet oder gerade verheiratet vom Land in die Stadt gezogen, haben ihr Geschäft in die Stadt verlegt oder überhaupt erst hier begonnen. Dies gibt uns aber noch nicht das Recht, die seit Jahrhunderten bestehende jüdische Gemeinde als durch die Generation der Großväter bestimmt zu betrachten. Erst die Dynamik der Gemeinde erlaubt uns, so zu sprechen. In einem bestimmten Augenblick nämlich, bei einer gewissen Größe des Geschäfts, bei entsprechendem Vermögen zogen die Juden wegen der günstigeren Verkehrslage und wegen der besseren Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse in die Großstadt. Und diese für die Großstadt bereits „fertigen" Familien zeigen einen ganz anderen seelischen und geistigen Habitus als die vom Lande kommenden und sozial aufstrebenden Neubürger. Diese Reichen waren bereits assimiliert, liberal in der Lebensführung, ließen unter Umständen ihre Kinder taufen, sie standen also bereits außerhalb der Gemeinde, während die Neuzugezogenen und die Mittel- und Unterschicht die Gemeinde noch als lebendige Gemeinschaft 372