Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 370 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Sternberg Zucht. Da sahen sich Mutter und Tochter an und sagten: „Wie nahe sind Sie der Wahrheit!" und errieten meine Abkunft. Sie waren selbst aus altem frei herrlichem Geschlechte, aber sie sprachen mit mir, als ob ein weit höherer Adel mich über sie stelle, der ich dem ältesten Gottesvolke entstamme, von dessen Jahrtausende alter Kultur die ganze Erde heute noch lebe, und sie forderten mich glühend auf, mehr von mir zu erzählen. Dies alles war mir so neu und ungewohnt und war mit so innigsüßem Ausdruck der Stimme gesagt, daß es mir, ungeachtet meiner heißen Erregung, einen Augenblick geschmeichelt zu sein schien, um mich freilich sofort wieder wohltuend zu erwärmen; und ich hätte ihnen beinahe mein Herz offenbart. Als ich aber stattdessen unwillkürlich seufzte und andeutete, daß es von mir nichts Angenehmes zu erzählen gäbe, nahm ihre Stimme einen feierlich gesammelten Ausdruck an und sie sagten, indem eine die Rede der anderen fortspann, die ihnen von derselben unsichtbaren Macht eingegeben zu werden schien: Bekümmert sähen sie mit der Scham des Siegers das Leid der Menschen; denn alles Leid sei Irrtum. Wir sähen die Erscheinungen entstellt, wie wir den ins Wasser gehaltenen Stab gebrochen wähnten. Durch den Glauben an das Gute dagegen hätten Märtyrer ohne Schmerzempfindung verzückt auf lodernden Scheiterhaufen gestanden. Denn Gott und gut seien dasselbe, das Böse dagegen ebenso wenig etwas Wirkliches wie die Dunkelheit, die bloß in dem Fehlen des Lichtes bestehe. Daß doch alle dem Lichte aufgetan sein möchten! Ich freilich sei einer der Suchenden, ich solle getrost auf mich warten und mutig sein. Ich wußte nicht, ob ich mehr vor den Lichtgestalten der beiden Frauen oder vor der Welttiefe erstaunte, in die sie mich blicken ließen; ich befand mich bei ihren Worten in einer lichten Sphäre, die mich mit einer großäugigen Wunderseligkeit erfüllte, vor der alle Zweifel verstummten. Als ich wieder allein war, entspann sich zwar zwischen der mystischen und der zweiflerischen Seite meines Wesens ein dumpfer banger Kampf, der mich mit beneidender Wehmut auf den Seelenfrieden der Frauen blicken ließ, von dem ich so weit entfernt war. Aber während ich mich meines einsamen Leidensweges erinnerte, war es mir seltsamerweise, als wenn jene ihn mit durchlitten; und in der Vorstellung, in dem Schmerze mit ihnen wie mit gleichartigen Geschwistern vereinigt zu sein, wich meine Einsamkeit und die stille weiche Freude des Martyriums kam wie eine Gnade über mich. Wenn mich die beiden Frauen erlösen, so ist ihr Glaube die Wahrheit und alles andere Irrtum — dachte ich.-- 370