Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903379--06714-2903441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom Hohenpriestcrslamm. In dieser Zeit, die mein Gedankenleben, wie Regen in der Mainacht, in aufregender Fülle entfaltete und mein Interesse dem Lied aller Völker zuwandte, denen das Exil die Harfe gestimmt, besuchten wir gemeinsam ein Konzert, das einer schottischen Reisekarawane zu Ehren auf den Tag ihres Nationalheiligen veranstaltet wurde. . . Das Haus mit seinen drei Rängen war bis auf den letzten Platz gefüllt. . . Träumten wir? Die Bühne bedeckte blühende Heide. . . Bebuschte Hügel stiegen auf. . . Wir sahen den wolkendurchzogenen Spiegel des Loch Lomond blank im Kranze seiner Uferberge liegen. . . Sahen aus herdenumkletterten Halden zu beiden Seiten des Teviottales die Burgen heraufwachsen. . . Wir sahen den mondlichtumspielten Kahn der Liebe im verschwiegenen Schilf der Insel des Gebirgsees verankert. . . Sahen alle Bilder des schottischen Hochlands in sehnsüchtigen Liedern vorüberziehen, daß die Schotten zwischen dem zagen vereinzelten Beifall der Andern mit feuchten Augen und aufgestützten Köpfen versunken dasaßen. . . Dann setzte fernes Meeresrauschen ein, und aus dem Nebel herüber klangen die Wogen gewaltiger Ossianischer Weisen, schwellend und verhallend. . . Jagdzüge brachen plötzlich in aufregendem Ungestüm aus wilden Waldesschluchten. . . Kühne Grenzgefechte rasten über Blut und Tod in klirrenden Balladen dahin, daß die Bewegung der fortgerissenen Zuschauer stieg und stieg, bis ein Männerchor mit donnerndem Brausen vaterländische Schlachtlieder anhub, aus denen der Preis der Barden und der Helden und der alten Geschlechter und aller Ruhmestage der Geschichte hymnisch empordrang. Da kamen — während er noch sang — in langem Zuge, durch die Reihen der Zuhörer, mit Pfeifen und Trommeln, in ihrer Hochlandtracht, die kaledonischen Kadetten und führten, indem sie auf der Bühne aufmarschierten, mit Sackpfeifen und Trommeln und Nationaltänzen, in buntem Durcheinander ein jubelndes Siegesfest auf, daß die Füße aller Schotten im ganzen Hause um uns und über uns mittanzten. Alles trampelte, schlug auf die Knie, schrie. Und endlich erhob das ganze Haus sich von den Sitzen und sang wie aus einem Munde dröhnend den Nationalgesang. . . Auld lang Syne, Home sweet home, scholl es zum Himmel. . . Ich pfropfte mir das Taschentuch in den Mund. Vergebens: Laut schluchzte ich auf. Meine junge Freundin packte mit fesselndem Griffe meine Hand und sah mich mit wundem Entsetzen an. „Sie singen all von einem Vaterland", weinte ich da. Und entriß die Faust ihrer Umklammerung. (Schluß folgt.) 371