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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 369

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1933-12-01
Page
369 (sequence 5)
Language
German
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Vom Hohenpriesters lamm bei anderen In feiger Rucksicht auf das gesellschaftliche Vorurteil einen gewissen Abstand von mir hielt. Sein Verlust — denn ich konnte es nicht übers Herz bringen, dem einsamen Polen die Enttäuschung zu bereiten, die meine Lossagung ihm zugefügt hätte — sein Verlust beugte mich um so tiefer, je mehr ich das freie, von Zweifeln nicht angekränkelte Selbstbewußtsein an ihm bewunderte, das mir so sehr mangelte, daß ich jetzt den Stab über mich brach und zum ersten Male Heimweh bekam nach meinen einfachen, anspruchslosen Eltern... So verloren schien ich mir und verlassen! ^Swei Tage kam ich nicht ins Kolleg. Als ich am dritten Tage wiederkam, bot mir meine Nachbarin, von der ich bisher nur wußte, daß sich etwas Stilles und Blondes neben mir befand, ihr Kollegienheft zum Nachschreiben der versäumten Vorlesungen an, ohne mehr zu sagen, als: „Nicht wahr, es ist gut, wenn Sie es haben!" Ich war so betroffen von dieser schwesterlichen Teilnahme, daß ich das Heft willenlos in der Hand hielt und sie wie abwesend ansah. „Lesen Sie es! Bitte! Das von den Franken als Gottesvolk! Es ist eine solche Freude zu sehen, wie alle zur Wahrheit wollen!" . . . Ein Klang aus einer anderen Welt drang an mein Ohr . . . Ich las das Heft; las es mit der sonntäglichen Geistigkeit, welche von der klaren Schrift ausging, und hörte im Geiste alles gesprochen in der heilandhaften jenseitigen Stimme, die ich vernommen, und es erhob mich eine schöne Sehnsucht, wie wenn man auf einem Berge steht und seufzt im Anblick der Schönheit ringsumher. Da stand ich auf und brachte das Heft, das ich wie ein liebes Geheimnis unterm Mantel trug, der Geberin zurück, auf einem weiten Umwege, um länger unter dem hohen Gedankenhimmel, der mich umgab, hinzuwandern. Sie öffnete selbst die Türe und ich mußte hereinkommen, um ihre Mutter kennen zu lernen, und ich sagte, wie ich heiße. Das Gespräch kam sogleich auf den Beruf der Franken zum Gottcsvolke und auf die Kriege und Greuel und all das Blutvergießen im Namen Gottes, das sie als eine betrübende Verirrung tief bedauerten. Ich suchte darzutun, daß die Urleidenschaften der Menschheit deswegen immer wieder aufloderten, weil die ethische Erziehung der Völker nicht von Anfang an so durchgreifend sich vollzogen hätte, wie Moses in weitschauender Weisheit es im Auge gehabt, als er jede Kunst verbot, um den entwicklungsgefährdenden Dienst der Schönheit solange auszuschließen, bis das Grundlegendste erlangt sei: die religiöse 369

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