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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 368

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1933-12-01
Page
368 (sequence 4)
Language
German
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Leo Sternberg einer Tat zu einer Streitschrift, die hinausschleudern sollte: Es ist nicht wahr, daß wir feige sind! Es ist nicht wahr, daß wir nicht treu seien! Es ist nicht wahr, daß wir des Idealismus entbehrten! Nicht wahr, daß wir hassen und verneinen! Als ich sie aber vollendet hatte, fragte ich mich: Was hast du, den nur die ewigen Fragen eines Reiches angehen, in dem alle wissend und in wahrer Liebe nebeneinander hergehen, mit dem Zank der Zeit zu schaffen? Ich hörte, wie mir mein Großvater das dreimalige „Frieden" auf die Seele band und warf die Schrift in die Flammen. Freilich benahm mir jene Erfahrung die Unbefangenheit des Verkehrs gänzlich, da sie mich in krankhafter Empfindlichkeit Verachtung argwöhnen ließ, wo man mir nicht einen jubelnden Empfang bereitete, und drängte mich zu dem Umgang mit einem adeligen Polen, dem man das Joch, das sein Volk getragen, an dem gekrümmten Rücken gleichsam ansah. Um dieser Schicksalsverwandtschaft willen ertrug ich seine Unsaubcrkeit und sein kühles verbittertes hinterhältiges Wesen, in dem ich mich selbst bemitleidete und den Marterpfeil fühlte, den mir die Liebe zu einem geächteten Volke bis zum Lebensüberdruß ins Herz drückte. Eines Tages kam der Älteste aus meinem vernachlässigten Verkehrskreise, den ich am meisten schätzte, zu mir und hielt mir eine heftige Rede, es sei nicht länger mitanzusehen, wie ich mich einem blutlosen Traumleben ergebe, dessen Folge sei, daß ich mich auf Schritt und Tritt an der Wirklichkeit stoße und in unmännlichem Schmollen von der Welt zurückziehe, anstatt mich in ihr umzusehen, mit ihr zu ringen und meine Fähigkeiten in ihren Dienst zu stellen. Mein Betragen sei eine Beleidigung für alle andern, wenn ich es wissen wolle; es scheine fast, als ob wir uns noch immer für ein auserwähltes Volk und heimliche Könige hielten. Aber wir seien Männer, die nicht an Entwicklungsschmerzen zugrunde gehen dürften. Ich könne nur im Verkehre mit einem freien ungebrochenen Volke zum Frieden mit der Welt gelangen, und auf den Frieden mit der Weit käme es an. Er wolle mir nur sagen, daß er den Verkehr mit mir abbreche, wenn ich mir diesen Nihilisten, diesen Polacken nicht vom Halse halte, dessen Gesellschaft mich vergifte und bei anderen unmöglich mache. Diese Vorwürfe, bei denen mir die Schläfen hämmerten, trafen mich vernichtend, weil ich meine eigenen geheimen Zurechtweisungen darin vernahm. Um so leichter überredete mich mein wundes Herz, sie seien nur ein Vorwand meines Kreises, um mich abzuschütteln. Denn ich meinte bemerkt zu haben, daß mein Freund, so herzlich er unter vier Augen mit mir war, 368

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