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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 367

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1933-12-01
Page
367 (sequence 3)
Language
German
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Vom Hohenpriesterstamm. Dazu merkte ich bald, daß ich infolge der Anspruchslosigkeit meines häuslichen Lebenskreises, der den Bildungstrieb mehr lähmte als anregte, von Gott und der Welt nichts wußte, und hielt mich deshalb gerade von den Besseren, die meinen Umgang suchten, zurück und bevorzugte die Minderwertigeren, bei denen ich der Gebende war und das Demütigende meiner Unwissenheit nicht beständig empfand. Dieselbe Scheu war schuld daran, daß ich niemals im Leben einen bedeutenden Mann kennen lernte, der mich hätte fördern können. Da ich also alles aus mir selbst gewinnen mußte, kam ich nur ganz langsam vorwärts, und oft überfiel mich so heiße Angst, ob ich je im Leben fertig werden und überhaupt etwas leisten würde, daß ich nachts wieder aus dem Bette sprang und bei der zum zweiten Mal angezündeten Lampe weiterstudierte. Denn ich hatte allerenden noch mit den Anfangsgründen zu tun. Erst jetzt las ich Märchen und Wundergeschichten, die andere in ihrem Knabenalter gelesen. In Gemäldesammlungen bewegte ich mich auf dem unsichersten Boden. Bald dünkte meinem unreifen Sinn nur dasjenige schön, woraus ich etwas lernen konnte; bald erschien alle Kunst mir als etwas Unernstes und Spielerisches; bald konnte ich ganze Nachmittage unter dem großen Heidebaum eines Landschaftsbildes verträumen, wonach ich freilich, im Widerstreit zwischen Pflichtgefühl und Kunstliebe, immer ein böses Gewissen hatte, und ich wäre rot geworden, hätte mich jemand bei solcher Gelegenheit betroffen. Noch ängstlicher hütete ich das Geheimnis von dem geplanten Werke, um dessentwillen ich mir einst die Hand verbrannt hatte. Es fehlte mir auch der Mut, daranzugehen, seitdem ich mir darüber klar geworden, daß ich, fast stumm aufgewachsen, mir sogar erst eine Sprache schaffen mußte und von dem undisziplinierten Denken meiner führerlosen Jugend mich noch immer nicht befreit hatte. Nun war es mir zwar öfter begegnet, daß ich in den Werken bedeutender Denker ausgesprochen fand, was ich selber gedacht hatte; aber anstatt hierdurch ermutigt zu werden, wie es anfänglich der Fall gewesen, zog ich daraus den Schluß, daß mir alles, was ich zu sagen hatte, schon vorweggenommen und mein ganzes Leben unnütz sei. Ich verstand nicht mehr, wie ich um jenes Heftes willen einst in die Flamme greifen mochte. Obwohl ich auf diese Weise hart an mir arbeitete, glaubte ich doch untätig zu sein, ja überhaupt nicht zu leben, wie es schöpferischen Naturen zu gehen pflegt, wenn der Genius schläft und trotz des verzweifelten Rufes der Sehnsucht nicht erwacht Nur einmal, als ich gehört hatte, daß gewisse studentische Verbindungen uns des religiösen Bekenntnisses halber ausschlössen, ermannte ich mich in dem verzehrenden Verlangen nach 367

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