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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 366

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1933-12-01
Page
366 (sequence 2)
Language
German
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Leo Sternberg vor den Flammen zu retten. Mit einem Aufschrei glitt ich an dem Körper meines Vaters nieder, und die glühende Kohle, die ich statt des Heftes erfaßt hatte, rollte aus meiner verbrannten Hand weit in das Zimmer. Meine Mutter, schon über die Mißhandlung des Heftes ungehalten, weil sie eine gewisse Verehrung für poetischen Schwung aus ihren Mädchenjahren sich bewahrt hatte und auf die Fähigkeiten ihres Sohnes stolz war, geriet in dem Schrecken über den Unfall außer sich und überschüttete meinen Vater mit solch donnergewaltigem Zorn, daß ich sogleich stille ward und meine Schmerzen fast vergaß. Als mein Vater am folgenden Morgen aus dem Schlafzimmer kam, sagte er, da ich das Examen nicht schlecht bestanden, habe er nichts dagegen einzuwenden, daß ich Philosophie studiere. Aber ich machte mir nichts mehr daraus-- * Aui der Reise nach der Universitätsstadt besann ich mich freilich wieder auf das Friedensevangelium, das ich in die Welt tragen wollte und ballte die Fäuste und befahl mir: Vergiß deine eigene Not und gehe den Weg, den du dir vorgezeichnet hast. Mein größtes Leid war nun, daß ich kein Heimweh bekam; das fand ich unendlich traurig und verfiel darum einer solchen Melancholie, daß ich mir vornahm, nie mehr zu lachen und mein ganzes Leben nur noch schwarz gekleidet zu gehen. Es verleidete mir auch den Verkehr mit meinen Kommilitonen. Denn da diese gern und häufig von Jugend und Vaterhaus erzählten, kam ich mir bei dem gänzlichen Mangel an freudigen Jugenderinnerungen und einer der Mitwelt verschvvisterten Hausgeschichte, wie sie bei liebevoller gemeinsamer Entwicklung von selbst sich ergibt, wie ein Ausgestoßener vor, der von seiner Vergangenheit schweigen muß, um sich nicht der Schande preiszugeben. Ich hatte mir wohl die beiden segnenden Hände eingeprägt, die auf dem Grabstein meines Großvaters eingemeißelt worden waren, das uralte Wappen der Aroniten, deren hohepriesterliche Hände durch die Jahrtausende herüber sich auch auf meinen Scheitel legten, ebenso wie eine ununterbrochene Ahnenkette das königliche Blut Davids — nach der Überlieferung vom Vater auf den Sohn — bis in meine Adern leitete. Allein mein erster Schritt in die Welt deckte sofort den klaffenden Widerspruch auf zwischen der Gloriole meines geschichtlichen und der Armut meines persönlichen Lebens. Ich, der mit ewigen Wurzeln bis in die Ferne der Zeiten reichte, beneidete jeden, den nur ein Fäserchen mit der Heimatscholle verband! 366

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