Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 365 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903379--06708-2903435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Leo Sternberg: Vom Hohenpriesterstamm /ch dachte das Andenken dieser Frau zu ehren und meine Eltern recht zu erfreuen, als ich ihnen eröffnete, daß ich nun etwas anderes werden wolle. Ich starrte meinen Vater daher sprachlos an, als er in dem fromm erwarteten Augenblick, gleichsam als sei meine Sinnesänderung" sein Verdienst, nur entgegnete: „Du wirst deine Ansicht noch in Manchem ändern." Schweigend und voll Sehnsucht nach einer verstehenden Seele zog ich mich in mich selbst zurück, entschlossen, nun alles nur noch mit Gott auszumachen. Ich verfertigte mir aus vergilbten Bogen altmodischen dicken Papiers, das ich in einem vergessenen Winkel fand, ein Oktavheftchen und schrieb dort hinein, was ich litt und sann, wie man zu einem Freunde kommt und sich ausspricht. Es geschah aber in dem Psalmenton, der noch immer in mir klang und mir allmählich die Form zu sein schien, in der man alles, was es gibt, erhebend und schön ausdrücken könne, und ich faßte ernsthaft den Plan ins Auge, dieses Oktavheftchen zu einem Bild der ganzen Welt zu erweitern, das ich der Menschheit dann als eine zweite Bibel hinterlassen wollte. Ich bekam daher heiße Wangen, als das blaue Büchlein bald aus war, und heftete mir schon im voraus ein zweites zusammen, das ich aber dünner machte, um die Freude eines sichtbaren Fortschrittes meines Werkes rascher zu erleben. Freilich ahnte ich, daß die Tätigkeit, von der ich träumte, in den Augen meines Vaters überhaupt kein Beruf war, und ich hatte auch nicht den Mut zu denken, daß man solche Künste zum Studium machen könne, allein ich mußte, da meine Lebensaufgabe in alle Geistesgebiete einschlug, zunächst ja alles studieren, was man nur studieren konnte. Um mit einem anzufangen, erklärte ich meinem Vater, daß ich mich zur Philosophie entschlossen hätte. Er betrachtete dies als eine solche Torheit, daß er mir das blaue Heft, das er zwischen meinen Schulbüchern entdeckt hatte, wie ein verhaßtes Überführungsstuck ins Feuer warf. Als er die Ofentür öffnete, klammerte ich mich Gesicht gegen Gesicht an ihn, um seinen Arm festzuhalten. Aber er umschnürte mich mit dem anderen Arm, so daß ich verzweifelt hinter mich griff, um das Heft noch aus der Ofenöffnung heraus 365