Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 361 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung fundenen Eigenart, kann nicht auf einer Lebenslüge aufgebaut sein. Und so lange nicht dem deutschen Katholiken und Protestanten sich der deutsche Volljude an die Seite stellte, der im vollen Bewußtsein seiner Eigenart sein Recht auf Zugehörigkeit vertrat, solange er selbst in der Fiktion lebte, nur durch das Bekenntnis von seinem nichtjüdischen Bruder getrennt zu sein, solange mußte ein Mißtrauen ihm gegenüber bestehen bleiben, das nicht durch Beteuerungen aus der Welt zu schaffen war. Gewiß, der deutsche Jude hat die deutsche Geschichte tausend Jahre und länger miterlebt. Aber vor diesem Erlebnis deutscher Kultur lag eine jüdische Vorgeschichte, das Erlebnis, das ihn geformt, das ihn zum Juden gemacht hatte; so erlebte er die deutsche Kultur nicht weniger tief, aber anders als der Katholik oder Protestant, deren Urerlebnis die deutsche Vorgeschichte war. Vorgeschichte aber, und besonders eine Vorgeschichte wie die jüdische, formt die Gegenwart, verpflichtet für die Zukunft. So steht vor den Aufgaben der Emanzipation die Forderung der Selbstbesinnung, der Regeneration. Wenn jemals das deutsche Judentum sich wieder einordnen wird in die deutsche Welt, der es zutiefst verbunden ist, so wird dies nur geschehen können, wenn es sich selbst gefunden hat. Dies aber ist eine Tat der Erziehung. Und deshalb darf das jüdische Erziehungswesen, das sich im Augenblick aus der Not des Tages zu formen beginnt, kein Notbau werden, wert, in glücklicheren Tagen mit einem Seufzer der Erleichterung liquidiert zu werden. Wenn wir einmal das beglückende Gefühl haben können, aus beiden Erlebniskreisen, dem deutschen und dem jüdischen, schöpfen und lernen zu können, dann hier: so wie die Schule in Jawne, der wir den Weiterbestand des Judentums verdanken, aus dem Elend eines gedemütigten und doch nicht gebrochenen Volkes hervorwuchs, so entstanden Fichtes Reden an die deutsche Nation, das Fanal der geistigen Wiedergeburt Deutschlands, in den Tagen der tiefsten Erniedrigung. Auch wir erleben eine Zeit des Leidens, hervorgerufen durch die tiefe Umwälzung, die sich nicht nur in Deutschland, sondern mehr oder weniger in allen Völkern Europas vollzieht. Es hieße das große Wunder, das uns bis heute erhalten hat, mißverstehen oder verleugnen, wenn wir nicht auch aus dem gegenwärtigen Geschehen, gerade weil es so schwer auf uns lastet, Kraft schöpfen würden; die Kraft zu neuer Lebensgestaltung aus der Bejahung unserer Geschichte als Juden und Deutsche. Die Erziehungsaufgaben geistiger und organisatorischer Art, vor denen sich das deutsche Judentum heute sieht, erfordern ein Vorstoßen in Gebiete jüdischen Lebens, die, lange vernachlässigt, erst wieder erschlossen werden müssen. Wer soll erzogen werden? Jede jüdische Seele, sei sie noch so jung an Jahren oder 361