Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 360 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903376--06699-2903430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heinz Cohn: Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung Die Reichsvertretung der deutschen Juden, die nunmehr höchste und autoritative Repräsentanz des deutschen Judentums, hat in ihrer ersten Kundgebung ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die vordringlichste Sorge -der deutschen Juden auf die jüdische Erziehung ihrer Jugend gerichtet sein müsse. Dem ist nichts hinzuzufügen; denn die Anschauung, daß ein jüdisches Kind stärker als bisher jüdisch erzogen werden soll, ist wohl heute Gemeingut aller jüdischen Kreise. Viel weniger klar ist man sich jedoch über die praktische Gestaltung der Erziehung. Wie und unter welchen Gesichtspunkten dies geschehen soll, welche Lebenskreise dazu besonders berufen sind, welche Funktion dem Elternhaus, der Schule, dem Jugendbund in der Erziehung eingeräumt werden kann und muß, all dies ist zumindest strittig, wenn es überhaupt schon Gegenstand der Diskussion gewesen ist. Das deutsche Judentum sieht sich vor einer Lebensfrage; es ist im Augenblick verwirrt und glaubt, mit Notlösungen einer Not steuern zu können, die keine nur augenblicklich zufällige ist, sondern tiefere Ursachen hat. Diese tieferen Gründe liegen in der besonderen Problematik, unter der das deutsche Judentum steht: es ist bei allem Vorrang, den das Religiös-Geistige immer in ihm besessen hat, stets mehr als Religionsgemeinschaft gewesen. Die gemeinsame „erlittene" Geschichte einer Abstammungsgemeinschaft hat hier eine Form des Zusammenlebens geprägt, der man nicht so ohne weiteres einen Namen, eine Definition geben kann, die aber doch mehr darstellt als reine Gemeinschaft von Gläubigen. So mußte denn alles nicht rein Jüdisch-Religiöse seine Zuflucht unter dem allein zulässigen Dach der Religionsgemeinschaft suchen. Wenn eine Tatsache die wahre Emanzipation der deutschen Juden gehindert und verhindert hat, dann ist es die unselige Vorstellung, die Juden seien nicht mehr als eine Religionsgemeinschaft, wie Katholizismus und Protestantismus auch. Emanzipation, d. h. gleichberechtigte Eingliederung einer Gruppe unter völliger Wahrung ihrer von ihr selbst als wertvoll emp- 360