Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 362 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Cohn: Gegenwartsfragen jüdischer Erziehung noch so alt. Die Familie, der erste Halt, den der junge Mensch auf seinem Lebensweg vorfindet, soll wieder ein Hort jüdischer Erziehung werden. Wohl fehlt es den Eltern noch überall an dem Wissen, dem Willen, wenn nicht überhaupt an dem Bewußtsein ihrer Aufgabe. Dies Bewußtsein zu wekken und wachzuerhalten, wird die erste Sorge des deutschen Judentums sein. Heute, wo sich allerorts jüdische El- Eltcrn zum Elternverein und Elternhilfswerk zusammenschließen, wo die Sorge um die geistige und seelische Existenz ihrer Kinder selbst die bisher uninteressierten jüdischen Kreise bewegt, muß durch dauernde Kurse, Veranstaltungen und Hinweise aller Art in Gemeindeversammlungen und Veranstaltungen selbst der Elternschaft der kleinsten jüdischen Gemeinde das Rüstzeug vermittelt werden, um ihren Kindern, die unsere, d.h. des Judentums Kinder sind, wieder den Weg zum jüdischen Leben im deutschen Raum und deutscher Kultur zu bereiten. Wenn jüdische Eltern sich dieser Pflicht und Verantwortung erst nur wieder bewußt werden, dann werden sie auch ihre Kinder ganz folgerichtig den Weg zur jüdischen Schule führen. Und sie werden fordern, daß die Schule eine Schule lebendigen Judentums und daß sie eine Volksschule im Sinne des Wortes sei. Nichts wird mehr dazu beitragen, jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein im Kinde wachzuhalten, als die Möglichkeit einer für alle Juden gemeinsamen Volksschule, die allen Kindern ohne Unterschied der sozialen Stellung neben dem notwendigen Wissen auf deutschem, jüdischem, allgemeinem und sprachlichem Gebiet das Erlebnis der jüdischen Gemeinschaft vermittelt. Dieses Erlebnis soll dem deutsch-jüdischen jungen Menschen die innere Festigkeit wiedergeben, um seinen Weg in deutscher Kultur gehen, und um ihn als deutscher Jude gehen zu können. Als Jude aber bedarf er einer lebendigen Kraftquelle, zu der er immer zurückkehren und neues Leben schöpfen kann. Diese Quelle kann nur das Judentum in seinen geistigen und religiösen Werten sein; sie soll, in die Form des jüdischen Lehrhauses gefaßt, dem schulentlassenen jungen Juden, aber auch dem älteren jüdischen Menschen in neuer Fülle fließen. Lehrhäuscr tun not und lehrende Persönlichkeiten, die aus überquellendem Wissen und pulsendem jüdischem Leben heraus die Jugend zur tätigen Anteilnahme am Schicksal der Juden erziehen. Eine solche Anteilnahme wird sich nicht zuletzt in der Gestaltung des Gemeindelebens ausformen. Gerade die jüdischen Gemeinden sollen darauf bedacht sein, daß aus den Gemeindehäusern ihnen die Jugend nicht fortbleibt. Nur allzu oft hat schon Verständnislosigkeit gegenüber jugendlichem Wollen und allzu bequemes Verschließen der Fenster in dumpfen Gemeindestuben die Jugend, die mit dem freudigen Willen zur Mit- 362