Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Aufbruch der Jugend
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Grorg Lubinski bei ist in der jüdischen Jugendbewegung das Großbürgertum verhältnismäßig stärker vertreten als in der deutschen Jugendbewegung. Rein proletarische Gruppen der jüdischen Jugendbewegung hat es nie oder fast nie gegeben. Das jüdische Proletariat, soweit ein solches existierte, hat seine Jugend immer an die deutsche politische Bewegung abgegeben. Es ist eine der großen Mängel der jüdischen Jugendbewegung, daß sie auch in ihren fortschrittlichsten Teilen die Jugend der proletarischen Schichten nicht oder nur unzureichend zu binden verstanden hat. Wir sehen die Ursache dieses .Mangels darin, daß die tragende und das Leben der Jugendbewegung bestimmende Schicht die Jugend des Bürgertums gewesen ist, deren Lebensstil und Lebensgefühl für die proletarischen Teile der jüdischen Jugend eine Einordnung teils nicht möglich, teils nicht erstrebenswert erscheinen ließ. Stärker vielleicht noch als diese Gründe wirkte die Erkenntnis, daß die Erreichung politischer Ziele in Deutschland niemals auf dem Wege über die jüdische Jugendbewegung, sondern immer nur über die politischen Parteien erstrebt werden konnte. Dabei waren die jüdischen Jugendbünde in ihrer soziologischen Struktur keineswegs einheitlich. Es gab einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem ideologischen Ziel und der sozialen Schicht der einzelnen Bünde. Teilt man zunächst in solche Bünde, deren Ziel gesellschaftliche Erneuerung, und solche, deren Ziel nur die Erhaltung des bestehenden Zustandes ist, so findet man, daß zu der ersten Gruppe die Werkleute und alle Chaluzbünde, insbesondere die Habonim (früher Jung-Jüdischer Wanderbund und Kadimah) gehören. Die Obereinstimmung im Namen geht dabei soweit, daß der Name Werkleute nur die Obersetzung des Wortes „Bonim" — die Bauenden — ist. Trotz der Gleichheit des Ziels bestanden zwischen beiden Gruppen sehr wesentliche Verschiedenheiten. Die „Werkieutc" entstammen der deutsch-jüdischen Bewegung, „Habonim44 kommen aus dem zionistischen Lager. Die Werkleute repräsentierten die Jugend des Bürgertums, und zwar der gehobenen Schichten des Bürgertums, während Habonim mehr aus dem Kleinbürgertum kamen. Von stark differenzierender Wirkung war und ist für alle Schichten der jüdischen Jugendbewegung die Einbeziehung oder der Ausschluß des ostjüdischen Elements. Der Unterschied zwischen Werkleuten und Habonim bekommt seine charakteristische Färbung aus der Tatsache, daß die Werkleute ostjudenfrei sind, während Habonim zu. einem erheblichen Teil aus Kindern ostjüdischer Eltern bestehen. Es ist für den gegenwärtigen Augenblick kennzeichnend, daß diese sozialen Unterscheidungen an Bedeutung verlieren. Der Zusammenbruch des jüdischen Mittelstandes hebt eine Fülle von, Unterschieden auf, die bis dahin zwischen den einzelnen 356