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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 349

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Der "Blau-Weiß"
Date
1933-12-01
Page
349 (sequence 3)
Language
German
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Der „Blau-Weiß" Iand zu einem Wanderbunde zusammen, der nach den jüdischen Farben „Blau-Weiß" genannt wurde. Aus den deutschen Wandervogelgruppen stieß bald eine eigenwillige Jungmannschaft in den von seinen ersten bedächtigen Gründern mehr nach Art der „Jugendpflege" aufgezogenen Blau-Weiß. Sie entriß den Erwachsenen ihren Jugendverein und formte ihn zu einem entschiedenen, nur seinem inneren Triebe folgenden Bund nationaljüdischer Jugend. Tief, vorbehaltlos und dankbar schloß der Blau-Weiß sich den Malern deutscher Kultur auf, die ihn umgab. Auf seinen Wanderungen über das deutsche Land schaute er gotische Kathedralen mit ihren himmelstrebenden Pfeilern, ihren magisch leuchtenden bunten Glasmalereien und dem beseelten Ausdruck ihrer Skulpturen. Deutsche Volkslieder, und auch die Prosa eines Hermann Hesse, Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller sagten gültig das aus, was er selber Schmerzliches litt und Hohes empfand. Goethe, der das eigene Dasein als Kunstwerk empfunden und gestaltet hatte, leuchtete als Vorbild harmonischer, diesseitiger Lebensführung. Aber die moralische Achtung von Volk zu Volk, die die Generation der Eltern weder durch Selbstverleugnung und Angleichung noch durch Pochen auf den Buchstaben des Gesetzes erzwang, konnte von der Jugend nur auf unbegangenem Pfad erstrebt werden. Der Wiederaufbau Palästinas wurde ihr ein Ziel, diesseitig genug, um alle Kräfte darauf abzurichten, aber doch so jenseits aller gewohnten Anschauungs¬ und Vergleichsmöglichkeiten, daß man es sich nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf die — unbekannte — Wirklichkeit im Glänze des Hohen und Edlen ausdenken konnte, das man im kapitalistischen Abendland schmerzlich entbehrte. Unter dem Eindruck und im Fortgange des Weltkrieges brach dieses Gefühl für die unbefriedigende soziale Ordnung der Dinge im alten Europa sich Bahn. Die Jugend griff zu den visionären Schriften der letzten Kriegszeit und suchte sich Rat bei den großen russischen Epikern. Eine neue Flamme der Empörung gegen die Lebensformen der Erwachsenen loderte hoch a"f> gegen „Schieber und Verdiener", Drohnen und Parasiten des kapitalistischen Produktionsprozesses. Die aus dem Felde zurückkehrenden Blau-Weißen und ebenso die jüngeren Schülerführer wollten daher um keinen Preis in die meist kaufmännischen Berufe der Eltern einschwenken. Vielmehr gingen sie aufs Land, verdingten sich als Knechte bei Bauern und gründeten mehrere Lehrsiedlungen. Sie waren entschlossen, das Gemeinschaftsleben von Wanderfahrt und Kriegsdienst nach vollendeter Ausbildung in Palästina fortzusetzen, in einer Gesellschaft „ohne Ausbeuter und ohne Ausgebeutete", in nationaler Ehre und nachbarlichem Zusammenhalt. Wer von 349

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