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Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 348

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Der "Blau-Weiß"
Date
1933-12-01
Page
348 (sequence 2)
Language
German
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Hanns rteißntr gen die mörderische Abhängigkeit des arbeitenden Menschen unter der Herrschaft des Hochkapitalismus, gegen die Mechanisierung und Verbildung des Daseins überhaupt. Die ersten Angriffepunkte, denen die jugendliche Empörung galt, waren Elternhaus und Schule. Von erheuchelten Konventionen befreit ein anständiges und wahrhaftiges Leben zu führen, der Tyrannei unverständlicher überlieferter Stoffe und Formen zu entrinnen und sich unbelastet durch Gedächtniskram an wirklichen Werten frei zum Menschen zu bilden, war die selbstgesetzte Aufgabe der Generation mit dem Abzeichen des Vogels, der die Schwingen zum Fluge breitet. Nichts mehr von den gewohnten Schulausflügen mit dem Turnlehrer und den artigen Sonntagvormittagspromenaden mit der Familie! Die Jugend selbst tat sich zusammen und wanderte, traf sich zu Gruppenspiel und -gesang, zündete in Sandkuhlen Lagerfeuer an und durchzog in den Ferien die deutschen Gaue von der See bis an die Alpen. Ein jeder brachte, soviel er konnte, in die gemeinschaftliche Fahrtenkasse ein. In großen Hordentöpfen wurde für alle Essen bereitet. Nachts kampierte man in Feldscheunen, in späteren Jahren auch in selbsterrichteten Zelten. Ein ungeahntes Hochgefühl brach sich Bahn. Statt der kümmerlichen Straßenbäume — Forsten, Kiefern- und Buchenwald. Statt rauchender Fabrikschlote — Bauerngehöfte. Mittelalterliche Kirchen an Stelle von Hausfronten aus Stuckrenaissance. Und also war es schon immer Wirklichkeit gewesen, was die Großstadtjugend selbst undeutlich, aber sehnsüchtig erstrebte: zu leben im Rhythmus des Tages und der Jahreszeiten, sichtlich produktiv, in gegenseitiger Hilfe und aus innerer Verantwortlichkeit. Mit dem gleichen Instinkt für die Überlcbthcit bürgerlicher Lebensformen waren auch jüdische Jungen und Mädchen zum deutschen Wandervogel gestoßen. Dieser aber stellte sich aus dem Gefühl notwendiger klarer Grenzziehung bald auf den völkischen Standpunkt. Nicht, daß der Wandervogel die jüdische Art als minderwertig ausgeschlossen oder daß der junge Jude sich selber so gefühlt hätte. Von Fischer, dem Begründer des Wandervogels, sagt sein Biograph Hans Blüher (s. „Wandervogel", I. Teil, 4. Aufl. 1919, S. 9S): er „besaß Anerkennung und Würdigung des fremden Wesens, aber er verlangte von den Juden auch, daß sie sich zu einer semitischen Kultur verstünden, wie er zu einer germanischen; dann wollte er sie achten." Die Formel, die über dem Trennenden das Verbindende nicht übersah, war — wieder mit Worten Fischers —, „daß Nation neben Nation stände und jeder wüßte, wo der andere sei". Im Frühsommer 1912 schlössen sich Jungen und Mädchen aus der Schicht des mittleren jüdischen Bürgertums in Deutsches

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