Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Die "Kameraden"
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 345 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „Kameraden' nach Palästina ist zwar ein Abbruch seiner deutschjüdischen Entwicklung, aber keine „Untreue" gegen diese. Sie ist heute kein Akt zionistischer Entscheidung mehr, und zwar auch da nicht, wo sie mit dem für die Alijah selbstverständlichen Willen zur Einordnung in den Aufbau von Land und Volk verbunden ist. Wenn das von Manchen noch verkannt und der Entschluß der Auswanderung als ein Mangel an vaterländischer Verbundenheit angesehen wird, sodeshalb, weil man sich dort noch nicht die Alternative klar gemacht hat, entweder in der alten Heimat der Existenz beraubt und von volksbürgerlichem Wirken ferngehalten zu bleiben oder in einer neuen Heimat neu anzufangen und neu zu hoffen. Deshalb steht die Palästinaentscheidung des einzelnen außerhalb seiner grundsätzlichen Stellung zur Frage „Deutschtum und Judentum".. Anders ist es mit der gruppenmäßig getroffenen zionistischen Entscheidung. Sie bringt — jedenfalls in ihrer Wirkung auf deutsche Verhältnisse — eine Wendung, die nicht bloß wegen des Ortswechsels, sondern grundsätzlich auf die Daseinsinlialte deutschjüdischen Lebens Verzicht leistet und überdies sich von der Verantwortlichkeit für die — freiwillig oder gezwungen — in der alten Heimat verbleibende Judenheit und ihre spezifische Lebensform frei macht. Da jedoch die zionistische Entscheidung der „Werkleute" die Fortexistenz einer immer noch gewaltigen Zahl deutscher Juden und ihrer Jugend auf deutschem Boden nicht berührt und jene gerade mit dem Entschlüsse der Übersiedlung einen großen Teil ihres eigenen Nachwuchses zurücklassen müssen, wird die jüdische Entwicklung dieser deutschjüdischen Jugend noch ihre Fortsetzung finden müssen und können. Hierbei wird es jetzt mehr als bisher auf diejenigen Bünde ankommen, die in den letzten Jahren entstanden und neben jene Nachfolgebünde der Kameraden getreten sind. Als im Frühjahr dieses Jahres zugleich mit der Aufrichtung des neuen Staates der Schlag gegen das deutsche Judentum geführt wurde, konnte man deutlich unterscheiden, wo unter den Betroffenen die inneren Widerstandskräfte zu finden und wo sie zu vermissen waren. Wo man einen solchen Vorgang als einen Geschichtsabschnitt empfand, der einen andern ablöst, wo man in die jüdische Geschichte zurückzublicken verstand und aus ihr Stolz, Maß und Lehre zog, da war man dieser Katastrophe gegenüber nicht mehr machtlos; indem man die Geschehnisse in größeren und größten Rahmen einordnete, begann man sie auch schon zu meistern. Indem der Mensch Ordnung in die Dinge bringt, erhebt er sich schon über sie, beginnt er ihnen schon zu entrinnen. Wo man nur wie gebannt dem Unglück entgegen zu starren vermochte, da freilich blieben nur die Trümmer zerbrochener Humanitätsideen übrig und Enttäuschung, Scham, 346