Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-12-01 · Heft 6 (Dezember 1933) · p. 344

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 6 (Dezember 1933)
Article
Die "Kameraden"
Date
1933-12-01
Page
344 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903373--06678-2903414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erich Hirschberg guten Willen noch wenig getan war; jedoch fand man für ein, werktägliches, einzeln oder gemeinsam gelebtes Judentum — außerhalb des religiösen Bezirks — kaum Ort und Inhalt. Das verlockende Ziel, sich in zionistische Gemeinschaftsarbeit mit ihrem gegenständlichen Ziel Palästina zu stellen, wurde oft besprochen, führte aber nur zur Bejahung des Palästinaaufbaus» ohne daß damit die spezifisch deutsch jüdische Zielrichtung aufgegeben wurde. Diese begrüßte Palästina als Teillösung, die der Bewunderung und tatkräftigen Förderung wert erscheint, bekannte sich im übrigen aber zum Diasporaschicksal, das das Judentum immer wieder den Zeitkulturen aussetzt und ihm dadurch die Spannungen und Kräfte zur Überwindung seiner eigenen Zeitlichkeit zuführt. So kamen die Menschen dieser Kreise zwar vielfach einzeln in Arbeitskreise jüdischen Inhalts hinein (Volkshochschule, Schule der Jugend, Jewish Agency, Gemeindearbeit), fanden aber als Bund keine eigenen Arbeitsgelegenheiten und vor allem keine neuen Wege jüdischer Gemeinschaftsarbeit. Die Unzufriedenheit hierüber war der innere Grund dafür, daß der hoffnungsvoll begonnene Ältercnbund seit dem Jahre 1929 nicht mehr weiterzuleben vermochte. Hingegen setzte ein Teil des Wanderbundes diese Entwicklung fort. Der Wanderbund hatte mehr und mehr sich nach drei Richtungen auseinander entwickelt, und diese führten schließlich zu einer Dreiteilung in einen ausschließlich jugendbewegten, einen sozialistisch gerichteten und einen jüdisch gerichteten Bund. Der jüdisch eingestellte, nunmehr selbständig gewordene Bund, die „Werkleute", brachte dank seiner kraftvollen Führung eine wichtige Vorwärtsentwicklung. Hier wurden — immer mit dem Totalitätsdrangc und Verwirklichungsstreben dessen, der hinter dem Sein den Sinn des Seins sucht, aber sich mit dem Erkennen nicht begnügt — Judentum und Judesein gruppenhaft erlebt und gelebt, alle jüdischen Werke in das eigene Streben aufgenommen, die Bibel in der alten Sprache auf neue Weise gelesen und gelernt und die jüdische Lebenswurzel an möglichst vielen Orten erkennbar gemacht. Die Galuth wurde auch hier — im Unterschied zu palästinazionistischer Tendenz — nicht nur als Hilfsquelle für Palästina, sondern gerade in der Mannigfaltigkeit ihrer Spannungen als Kraftquell des in der Zerstreuung verbleibenden, überall inmitten der Gegenwartsgeschichte stehenden Judentums bejaht In letzter Zeit allerdings, wie mir scheint, ohne genügenden inneren Grund und unter dem Einfluß der letzten Geschehnisse, ist diese oftmals betonte Linie aufgegeben worden, als dieser Kreis sich zum Zionismus entschied und die Übersiedlung nach Palastina beschloß. Dieser Vorgang bedarf näherer Betrachtung. Die Auswanderung des einzelnen deutschen Juden 344

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.