Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Juden in Spanien
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 331 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Fächern reibungslos vonstatten, dann traf der Kandidat auf den Vorsitzenden des spanischen Ärzteverbandes als Prüfer. Dieser erklärte die Prüfung für ungesetzlich und brach den Rest des Examens ab. Die von ihm einberufene Ärzteversammlung erklärte sich einstimmig dafür, die Prüfungen zu suspendieren und weder in diesem, noch in irgend einem anderen Falle Ausnahmen zuzulassen. Genau so streng wie in Ärztekreisen schließen sich die Fächverbände anderer Fakultäten gegen etwaige Emigrantenkonkurrenz ab! Als nach der nationalen Revolution eine Reihe jüdischer Intellektueller und Gelehrter Deutschland verließ, boten die spanischen Staatsmänner mehreren von ihnen Lehrstühle an. Bis heute aber sind diese Angebote nicht verwirklicht Das liegt an der Verzögerungstaktik der spanischen Behörden, an innerpolitischen Schwierigkeiten und nicht zuletzt an der geschilderten oppositionellen Haltung der spanischen Fachverbände. Weil man jenseits der Pyrenäen all diese Schwierigkeiten nicht kennt, sind im Laufe des Sommers doch noch eine Reihe jüdischer Emigranten nach Spanien gekommen. Um sie zu beraten, haben sich in Barcelona und Madrid jüdische Hilfskomitees gebildet, die von den bereits in diesen Städten ansässigen Juden materiell unterstützt werden. In Barcelona gibt es auch eine Vertretung des Hicem-Komitees aus Paris, das von dort aus mit Geldmitteln versehen wird. Außerdem haben die jüdischen Flüchtlinge in Barcelona (in der Mehrzahl Polen 1) ein Selbsthilfekomitee gegründet, das die Bildung von Arbeits- und Wohnkollektiven vorsieht. Die Geldmittel aller dieser Komitees sind äußerst beschränkt. Man hat den Bedürftigsten Eß- und Schlafkarten gegeben, die sie wenigstens einige Tage über Wasser hielten, hat Handwerkern, Spezialarbeitern kleine Summen zur Existenzgründung gewährt. Einige Intellektuelle, die über Geld verfügten, sind ebenfalls — allerdings in anderen Berufen — untergekommen. Vollkommen aussichtslos aber ist die Unterbringung ungelernter Arbeiter, mittelloser jüdischer Schriftsteller, Ärzte, Zahnärzte und Rechtsanwälte in ihren Berufen. — Die einzige Möglichkeit, die im Augenblick für Emigranten in Spanien überhaupt existiert, wäre Übernahme kaufmännischer Vertretungen (wozu vor allem gute Sprachkenntnisse erforderlich sind) oder die Errichtung einer eigenen Industrie, eines Geschäftes, eines Handels. Hierzu aber gehört Geld. Und da liegt das Kernproblem: Mit Geld wäre in Spanien auf kaufmännischem Gebiete viel anzufangen. Es fehlen Eigenerzeugnisse von ärztlichen und zahnärztlichen Instrumenten, Feinwerkzeugen, Druckereimaschinen, landwirtschaftlichen Maschinen, Lokomotiven, elektrischen Maschinen, Nähmaschinen, Fahrrädern, Autos, chemisch-pharmazeutische Produkte, Tinte, Bleistifte, Porzellan, Konfektion usw. Solange jedoch Spanien ein Agrarland ohne eigene Industrie bleibt, wird die industrielle Arbeitslosigkeit nicht verringert und für mittellose jüdische Einwanderer in diesem Lande kaum eine Lebens- und Ansiedlungsmöglichkeit geschaffen wer- 331