Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Aus der Frühzeit der Emanzipation
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Frühzeit der Emanzipation Mit verständnisinniger Freude habe ich Ihre muthige Protestation gegen vielhundertjährige Unbilde gelesen; ein würdiger Vertreter der Wahrheit haben Sie gezeigt, daß nur durch Verachtung unser Volk verächtlich geworden, daß alles Fehlen der Juden nothwendige Folge des Fluchs ist, mit dem nur eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sie belasten könnte, daß allein Aufhebung der Ursache die Wirkung aufzuheben, einzig und allein die bürgerliche Gleichstellung Selbstgefühl und Menschenwürde der verführten Menge wiederzugeben im Stande sei. Wenn Sie durch das edle Unternehmen sich Anspruch auf den Dank jedes Menschenfreundes erworben; so thut es mir innig wohl Ihnen hier für mein Theil die Dankbarkeit zu bezeigen, welche meine Glaubensgenossen insgesammt Ihnen schulden. Von Herzen wünsche ich Ihrem Streben Gelingen! — Mögen Sie sich durch keinerlei Hindernisse von Ihrem Vorhaben abschrecken, und vor allem durch die geringe Theilnahme der Juden selbst nicht etwa irren lassen. Leider giebt es noch viele unter uns, deren Haut durch vieljährigen Druck so hartschwielig geworden, daß sie die Kettenlast nicht einmal zu fühlen, geschweige, darauf zu reagiren im Stande sind . . Wenn nur ihrer Umtriebe Wesen (?) nicht gefährdet, wenn sie nur im vollen Genuß ihrer Thorenrechte — Thorheitrechte — (?) bleiben, so läßt der Kaltsinn sie nichts davon träumen, daß sie in ihren edelsten Menschenrechten gekränkt werden; ihre eigene und der Glaubensgenossen unwürdige Stellung, die Verachtung, die Staatsbürger an den Namen Juden knüpfen, alles dies geht solchen Leuten wirklich kaum zu Herzen, und wenn sie ja etwas dabei empfinden, so ists höchstens die vorüberfliehende Trauer einer Minute und der dieses Leben zehrende Schmerz, der allein zur Kräftigung Thätige nichtsdestoweniger anreizen könnte. Nicht zürnen darf man diesen Juden, denn nicht des Sclaven Schuld ists, wenn er Sclavensinn hat, aber not thuts, aus dem Schlummer ihrer Duldung sie aufzurütteln, den schwachen Überrest ihres Ehrgefühls in Anspruch zu nehmen, um sie endlich zur Einsicht und zum Gefühl ihrer Schmach zu bringen. Mögen Sie, werther Herr Dr., in den folgenden Blättern Ihrer Zeitschrift auch diese schwierige Aufgabe lösen, wenigstens durch erste Mahnung auf eine künftige Lösung hinwirken. Mit der Kraft, die Ihnen vor so vielen andern verliehen, ist Ihnen auch zugleich Pflicht und Beruf dazu auferlegt. Ist erst wiederu Ehr- und Freiheitsgefühl im Volke angefacht, dann können Sie in froher Gewißheit des Sieges den Kampf für die Unterdrückten (?) führen. 319