Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Aus der Frühzeit der Emanzipation
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Friedlaender Kampfes für die bürgerliche Gleichstellung der Juden wurde: seit 1S32 ließ Riesser sie unter dem Titel „Der Jude" erscheinen. Auf die ersten Hefte hin richtete Jacoby den hier folgenden Brief an ihn, der sich nur im Entwurf1) erhalten hat: Den 29. September 1832. Werthester Herr Doctor, Gleiche Gefühle und übereinstimmende Denkungsart haben die Menschen von jeher enger verknüpft, als persönliche Bekanntschaft und sonstige Wechselverhältnisse es vermochten. Ohne alle Förmlichkeit und fern von der kleinlichen Scheu vor möglicher Mißdeutung spreche ich daher zu Ihnen, zwar ungekannt zu Ungekanntem, aber gleichgesinnt zu Gleichgesinntem. Es ist das rege Interesse an einer von Ihnen so schön vertheidigten Sache, welches mich drängt, Ihnen einige Worte dankbarer Anerkennung zukommen zu lassen. Als Jude geboren und aus wahrer Überzeugung an der Lehre meiner Religion festhaltend, hatte ich schon frühe mit mannigfachen gesellschaftlichen und bürgerlichen Mißverhältnissen zu kämpfen; durch ein empörendes Vorurtheil Andersglaubender sah ich mein Streben oftmals gehemmt, meine schönsten Hoffnungen zerstört und mich überall in den Ansprüchen, die jeder an das Leben zu machen berechtigt ist, gekränkt und beeinträchtigt. Trauer über verfehlte Lebensrichtung und manche harte Erfahrung ließen mich bald den Blick von meinem individuellen Verhältnis auf das Allgemeine richten, und mit tiefem Unwillen die erniedrigende Stellung meiner Glaubensgenossen überhaupt gewahr werden. Seitdem dies Bewußtsein in meinem Innern erwuchs, seitdem der Schmerz unverdienter Zurücksetzung durch das Gefühl der Ohnmacht zum Unmuthe(?) gesteigert mich überall verfolgte, ward mir der Genuß jeder Freude getrübt, und die heftigste Sehnsucht nach einer bessern Zukunft erregt. Doch wozu Ihnen, der gleiches empfindet und sicher auch gleiches im Leben erfahren, das Peinliche des Zustands schildern? Sie kennen den herzzerreißenden Schmerz ebenso gut und vermögen ihn besser als ich in freimüthig-kräftiger Sprache auszudrücken. Die ersten Blätter Ihrer Zeitschrift waren mir hievon ein deutlicher Beweis. Für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Briefe bin ich der Leitung der Königsberger Stadtbibliothek zu Dank verpflichtet. Für die Entzifferung des Entwurfs trägt Herr Dr. H. Bach die Verantwortung. 318