Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 315 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895521-2903287--06636-2903343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Gestalt des „Verworfenen Juden" bewußten Äußerungen Inhalt der Staaten- und Weltgeschichte sei. „Wir müssen uns freimachen vom Verstand und wieder zum Instinkt kommen." Der mit solchen Kräften erfühlte „seelische Kraftstrom" mache die eigentliche Geschichte der Völker, nicht ein angeblich wissenschaftliches Weltbild, das nur ein säkularisierter und denaturierter Abklatsch des religiösen Weltbildes sei: Den „Mythos" des Jahrhunderts gelte es zu erfassen und mitzuteilen. Man sieht: die Definition des Mythos als unbeglaubigte Erzählung entwertet die Mythe vom Historischen her, das als urkundenmäßige Beglaubigung von beweisbaren Vorgängen gefaßt wird. Die zweite Definition des Mythos als einer höheren intuitiv erfaßten Wirklichkeit überhöht hingegen die Mythe von der Gefühlsscite her, während endlich die Mythe als Bezeichnung eines unkontrollierten Massenurteils weder eine Entwertung noch eine Überhöhung enthält, sondern eine historisch wirksame ^geschichtsformende Kraft feststellt. Danach scheint in der Tat der Gebrauch des Wortes „Mythos" zum mindesten irreführend, wenn man nicht von Anfang an die Gefahr der Vorwegnahme eines subjektiven Werturteils mit der in der Wortwahl bewußt oder unbewußt getroffenen Entscheidung oder die Gefahr des Einschleichens einer Wertfarbe ausschaltet. Wenn freilich die Rede ist vom Mythus (besser „Geheimnis") des Blutes und der Rasse, des Helden und Führers, des Geldes und der Wirtschaftsgüter, der Bildung und des Schönen, so bleibt gegen diese modische Entwertung und Verwaschenheit des griechischen Urworts die beste erkenntnistheoretische und terminologische Umsicht kraftlos. Wir können in der streng historischen Beschreibung der Vorgänge und Tatbestände des Mythischen die Vokabel „Mythos" nicht entbehren. Das praktische Judas-Beispiel hat gelehrt, daß bei der Erfassung des Mythisierungsvorgangs Mehrdeutigkeiten und Tageswertungen vermeidbar sind. An dem Judasbeispiel wurde vor allem vollkommen deutlich, wie sich der Umschlag des mythisch-religiösen Bewußtseins zum Massen-Mythus vollziehen kann. Ernst Cassirer hat in seiner großen schon oben erwähnten „Philosophie der symbolischen Formen" (im Schlußabschnitt des Bandes: „Das mythische Denken") eine andere Art des Übergangs des mythischen Bewußtseins dargestellt. Der mythische Bewußtseinsinhalt verwandelt sich hier grundsätzlich, aber in der entgegengesetzten Richtung wie bei dem Umschlag zur niederen Mythologie. Ursprünglich gibt es in der religiösen Mythenwelt keine Scheidung zwischen dem Reellen und Ideellen, zwischen dem Gebiet des „Daseins" und der „Bedeutung". Es gibt hier nirgends ein bloß Bildhaftes, eine leere Repräsentation; es gibt kein bloß Gedachtes, Vorgestelltes oder „Gemeintes", das nicht zugleich ein Wirkliches und Wirk- 315