Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 316 (sequence 7)
- Language
- German
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Ludwig Fcuchtivangcr: Die Gestalt des „Venvorfcnen Juden" sames wäre. Im eigentlichen Anfang des spezifisch religiösen Bewußtseins verändert sich nun die Stellung des Bewußtseins zur mythischen Bildwelt: „Es kann diese nicht entbehren, es kann sie nicht unmittelbar von sich ausstoßen; aber sie empfängt nun allmählich, durch das Medium der religiösen Fragestellung gesehen, einen neuen Sinn. Die neue Idealität, die neue geistige ,Dimension\ die durch die Religion erschlossen wird, verleiht nicht nur dem Mythischen eine veränderte .Bedeutung4, sondern sie führt geradezu den Gegensatz zwischen ,Bedeutung' und dasein' erst in das Gebiet des Mythos ein. Die Religion vollzieht den Schnitt, der dem Mythos als solchem fremd ist: indem sie sich der sinnlichen Bilder und Zeichen bedient, weiß sie sie zugleich als solche, — als Ausdrucksmittel, die, wenn sie einen bestimmten Sinn offenbaren, notwendig zugleich hinter ihm zurückbleiben, die auf diesen Sinn ,hinweisen', ohne ihn jemals vollständig.zu erfassen und auszuschöpfen." Eine wieder anders geartete, wenn man will „rückläufige" Umbildung erfährt der Mythos durch Vermischung mit Massenaffekten wie im Fall der Vorstellungen über Leben und Sterben des Judas Ischarioth. Für eine mit antijüdischen Affekten geladene Welt kann diesem Mythos vielleicht sogar ein höherer Grad von „Wirklichkeit" als den beglaubigten Vorgängen innewohnen, woran einmal die ambivalente Wertgeladenheit des Wortes „Mythos" und zweitens die Fragwürdigkeit von „Aufklärung" und „Abwehr" gegen solche Mythen zu erkennen ist. Zweifellos hängt diese Umkehrung des Wahrheitsbegriffs mit dem zuletzt von Bcnedetto Croce (auf dem Internationalen Philosophen-Kongreß in Oxford 1930) eindringlich vorgetragenen Zerfall des historischen Sinns und mit der zunehmend antihistorischen Haltung der Gegenwart zusammen. Damit sind wir in der streng theoretischen Untersuchung über Mythenbildung und Mythenwandel hart an uns alle berührende jüdische Schicksalsfragen herangekommen. Kann die Kraft der echten Ahasverus- und Judasmythe gebrochen werden? Gibt es eine Möglichkeit der Schicksalswende vom Erleiden zum aktiven Bezwingen des jüdischen Schicksals? Wir brechen hier unsere Untersuchung über den Mythisierungsvorgang ab. Die gegenseitige Durchdringung von Massenwahn und Mythenbildung im religiösen Bereich haben wir an einem Beispiel empirisch und erkenntniskritisch verstehen gelernt In der Gestalt des Judas verkörpert sich die Verfemung eines Volkes. Inwieweit Rückstände einer in der Vergangenheit als religiöse Wahrheit noch wirksamen Bilderwelt in der Geneigtheit der modernen Massen, den „Juden" Verrat und Habsucht zuzutrauen, nachwirken und ob diese Rückstände in anderen ideologischen Verkleidungen und Formen auftreten, muß einer weiteren Untersuchung vorbehalten bleiben. 316