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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 314

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
Date
1933-11-01
Page
314 (sequence 5)
Language
German
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Ludwig Fcuchlwanger sie teilweise als „Symptome gesunkener höherer Mythologie" an. Der Volksgeist schafft sich offenbar zur bequemeren Gedächtnisaufspeichcrung und zur Verminderung der unerschöpflich neu zuströmenden Eindrücke Mythen und Symbole, gegen deren still tätige, unbewußt wirksame Kraft es kein Wiederaufnahmeverfahren gibt; höchstens daß der Flugsand neuer Eindrücke alte überdeckt und begräbt. Jenes, wie wir wissen, falsche Judasbild wird genau so verewigt wie sich große Schöpfungen der Kunst, der Dichtung, des Wissens ins Zeitlose erheben. Wie das wirklich Große ins Zeitlose wächst, verewigen sich auch die Affekte, die in vergangenen Zeiten vielleicht einen lebendigen, höchst aktuellen, höchst triftigen Urgrund hatten. Die Mythe, die „unbeglaubigte Erzählung", wie ein einfaches und schlichtes Geschlecht noch definieren zu können glaubte, ist nicht nur die deutende Phantasie der öffentlichen Meinung im Mittelalter. Das System von Wertschätzungen, das den seelischen Lebensbedingungen einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Epoche entspricht, äußert sich auch heute noch in Mythen. Das gedruckte Wort, die Presse, die freie Meinungsäußerung hat sie nicht beseitigt. Umgekehrt, die Mythe bedient sich ihrerseits aller Mittel neuzeitlicher Technik und übertönt mit ihnen Denkkraft und Urteilsfähigkeit. III. Fraglich bleibt noch, ob nicht bei der eben versuchten Beschreibung und Deutung des „Mythisicrungsvorganges" durch den Gebrauch des gleichlautenden Ausdrucks „Mythos" für ganz verschiedene Sinngebiete statt einer Ordnung die Vermengung und Verwischung von einander ausschließenden gcistcsgeschichtlichen Befunden herbeigeführt wurde. Von dem mythen- und motivgeschichtlichen Thema „Judas Ischarioth" wurde eine Brücke geschlagen zu einer soziologischen Erscheinung der Gegenwart, nämlich zu einem bekannten Spezialthema aus dem Problemkreis „Masse" und „Öffentliche Meinung": Denk- und Gcfühlsinhalte der Masse, die sich gegen eine deutlich unterscheidbarc anders geartete Minderheit richten. Die Entstehung von „Mythen" als unbeglaubigte Erzählungen auf einer bestimmten religiösen Entwicklungsstufe und die Herkunft von Mythen als Denk- und Gefühlsinhalt der „Masse", besonders der zeitgenössischen „Masse", scheinen sich in der Tat auf einander ausschließende Sinngebiete zu beziehen. Dazu kommt ein neuerer dritter Gebrauch des Wortes „Mythos" für eine Art von überhöhender Geschichtsbetrachtung, nach der nicht der aus Urkunden, Akten und sonstigen Denkmälern feststellbare Geschichtsablauf in Staat und Gesellschaft, sondern „die Erkenntnis der Bedeutung des Volksgeistes und der Volkskräfte" in ihren heroischen und un- 314

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