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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 313

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
Date
1933-11-01
Page
313 (sequence 4)
Language
German
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Die Gestalt des „Verworfenen Juden" als einer Wirklichkeit reiner Tatsachen, fortgeschritten wäre. In diesem Stadium der optimistischen Lichtheit, in dem sich noch so viele Zeitgenossen bencidenswerterweise befinden, meint der aufgeklärte moderne Mensch in seinem unverwüstlichen Siegesbewußtsein, sei man imstande, jede subjektive bloße Zutat des Geistes von der Realität selbst souverän zu trennen und nur, was wirklich ist, gelten zu lassen. Vor allem wird von dieser Auffassung der Mythos als untere zurückliegende Stufe des menschlichen Fortschritts begriffen. Damit aber wird, wie wir heute deutlich sehen, die eigentliche Beschaffenheit und Eigenbewegung des mythischen Geistes nicht erfaßt. Die herkömmliche und weitverbreitete Auffassung sucht den Sinn des Mythos in einer Art von zurückgebliebenem religiösem Wahrheitsbegriff, an dem ein moderner, aufgeklärter Mensch nicht mehr teilhat. Man deutet den Mythos als Ausgeburt einer naiven und kindlichen Phantasie, die sich dem Banne ihrer eigenen Gestaltungen nicht entziehen kann. Die eigentliche Tiefe des Mythos liegt aber gar nicht in dem, was er in seinen eigenen Gestalten offenbart, sondern in dem, was er verhüllt. In seinem Grundwerk „Philosophie der symbolischen Formen" (Band II, S. 50) formuliert dies Ernst Cassirer so: „Das mythische Bewußtsein gleicht einer Chiffreschrift, die nur für den verständlich und lesbar ist, der den Schlüssel für sie besitzt, d. h. für den die besonderen Inhalte dieses Bewußtseins im Grunde nichts als konventionelle Zeichen für ein »Anderes4 in ihnen selbst nicht Enthaltenes sind." Die ursprünglichen Schöpfungen der mythenbildenden Phantasie sind also in Wahrheit objektive Wahrnehmungsinhalte, nicht Bilder oder bloß subjektive Vorstellungen. Das mythische Bild, in unserem Fall der wahre Jude, der nach der Volksvorstellung eben doch ein Jud bleibt, der sich um Geld die Seele abkaufen läßt, — dieses typisch mythische Bild ist und bleibt unlösbarer Bestand der Wirklichkeit, es ist in die Anschauung der objektiven Sachwelt und des unpersönlichen Geschehens ganz fest eingeschmolzen, keineswegs nur Bild und Allegorie, hinter der etwas anderes stände. Dieser Judas, von dem wir sprechen, bedeutet nicht nur den gewissenlosen, gottverlassenen, vogelfreien Schacherjuden der Umwelt, er ist dieser Jude und wird in einem unbewußten seelischen Vorgang mit allen Zutaten der Volksphantasie ausgestattet. Der Mythos wird ähnlich wie der philosophische Begriff zum Stellvertreter für konkrete Tatsachenvorstellungen. Der Mythos ist eine Art Oekonomie des Volksgeistes: eine Art Abkürzung des Bewußtseins- und Vorstellungsverlaufs. Die neueren Erörterungen über das Wesen der Volkskunde (an der Spitze der deutschen Forschung Hans Naumann, neuerdings vor allem Max Rumpf) behandeln die hier in Frage kommenden Erscheinungen als sogenannte „niedere Mythologie" und sehen 313

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