Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 312 (sequence 3)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger der das Bild, die Mythe von den verblendeten Juden ausgeht. Unter dieser Mythe steht die abendländische Welt ein- und einhalb Jahrtausende und macht sich auch nicht frei von ihr, als das allgemeine christliche Weltbild längst praktisch seine Herrschaft verloren hat. Hier wird mit den Händen greifbar die im Stillen weiterwirkende Kraft des Mythos, die anhält, auch wenn längst der Geschichtslauf weitergegangen ist und der lebende Geist, aus dem der Mythos, die Vorstellung entstanden, aufgezehrt und vergangen ist. Die Gestalt des Juden ist zur Mythe versteinert. Sichtbar wird der Mythisierungsvorgang an dem Wandel der Judas-Legende von der ursprünglichen Apostelgcstalt zu dem späteren Phantasiegebilde des habsüchtigen, rachegicrigen, verräterischen Judas. Auf diese Mythengestalt warf man alles Verächtliche und Hassenswerte. Diese Mythengcstalt verschmolz bald in eine einzige Vorstellung mit dem lebendigen Stamm der Juden, die unter den Völkern zerstreut ihr Dasein lebten. II. Kein Geringerer als Jacob Grimm hat uns (schon vor fast 100 Jahren) in der Einleitung zu seiner „Deutschen Mythologie" darüber belehrt: „Sage und Geschichte sind jedwedes eine eigne Macht, deren Gebiete auf der Grenze in einander sich verlaufen, aber auch ihren gesonderten, unberührten Grund haben." Wir müssen allerdings versuchen, noch weiter in diese Vorstellung, die wir Mythos nennen, einzudringen. Welche rätselhafte Kraft wohnt ihr inne? Und mit welchem Wertvorzeichen ordnen wir unser eigenes jüdisches Schicksal ein, das der Mythisierung ausweglos verfallen zu sein scheint? Befreien wir uns zuerst von einer höchst materiellen, dem 19. Jahrhundert angehörenden Auffassung vom menschlichen Wissen überhaupt. Nach dieser materiellen Auffassung ist die geistige Entwicklung der Menschheit unaufhaltsam empor zum Licht geschritten, von den sogenannten „primitiven" Phasen des Bewußtseins bis zur theoretischwissenschaftlichen Erkenntnis und damit zur vollendeten geistigen Beherrschung der Wirklichkeit. Diese hochmütige und optimistische Auffassung des 19. Jahrhunderts ist heute im allgemeinen verlassen. Die Mythcnbildung, das weiß jeder, ist in der Gegenwart genau so im Schwang wie im sogenannten „finsteren" Mittelalter, die Vorstellung von Judas als dem Urbild des jüdischen Stammes hat nicht aufgehört zu wirken. Sehen wir jene selbstsichere Auffassung vom ununterbrochenen Fortschritt des Geistes noch einmal kurz an: sie nimmt an, eine noch im Aberglauben und in der Dumpfheit zurückgebliebene Welt sei noch von Fiktionen, Phantomen und Glaubensvorstellungen erfüllt gewesen, die in einem allmählichen geistigen Lichterwerden immer bestimmter zur wissenschaftlichen Erfassung der Wirklichkeit, 312