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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 311

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
Date
1933-11-01
Page
311 (sequence 2)
Language
German
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Die Gestalt des „Verworfenen Juden" Apostel Verräters Judas Ischarioth mit der lebendigen Judengestalt der Umwelt, die umwittert ist von dem Raunen des unkontrollierten Geredes. Man will gar nicht erkennen und verstehen; sondern das Grauenhafte, Unwahr-scheinliche, Gespenstische ist vertrauter Umgang und wirksame, folgenschwere Wirklichkeit. Die christliche Lehre interpretiert den Verrat als die Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiung: „Der mein Brot ißt, tritt mich mit Füßen." Der Mythos dieses so gedeuteten Verrats verschmilzt mit dem Mythos von dem blutsaugerischen, geldgierigen Juden, dem um Geld alles feil ist, der zur Verkörperung der mittelalterlichen Laster avaritia und voracitas wird. Diese Grundeigenschaften werden dem Judas und den Juden als Charakter indelebilis beigelegt. Das Sozialprinzip der mittelalterlichen Welt, wie es am gültigsten bei Thomas von Aquino zum Ausdruck kommt, ist der Aufbau der Gesellschaft in den einander übersehenden und einander einschließenden Ordnungen: Familie, Gemeinde, Obrigkeit, Kirche nach der vertikalen Gliederung und nach der horizontalen von streng abgegrenzten Ständen und Berufen mit dem Recht auf Nahrung innerhalb dieser geschlossenen Gebilde. Die Juden stehen nach dem göttlichen Heilsplan außerhalb dieser christlichen Ordnungen, ihnen ist der Handel und das Geldgeschäft als eine turpis acquisitio, also als zwar erlaubte, aber schimpfliche Erwerbsart (denn die injusta acquisitio wäre Diebstahl, Raub, Wucher) überlassen. „Mercator vis aut nunquam potest Deo placere." „Der Kaufmann kann kaum oder nie gottgefällig sein." So heißt es in der damaligen maßgebenden Gesetzessammlung, dem Decretum Gratiani. Et ideo, heißt es weiter, nullus Christianus debet esse mercator aut si voluerit esse, proiciatur de ecclesia Dei (deshalb soll kein Christ Kaufmann sein oder, will er es doch, aus der Kirche ausgestoßen werden). Das schimpfliche Zinsnehmen ist nur den Juden erlaubt. Die Juden sind die Blinden und Verworfenen, aus theologischen, also aus offenbarten, in der göttlichen Seinsordnung begründeten Ursachen, nicht aus nationalen oder rassenmäßigen Gründen. Sie sind als lebendige Zeugen der Existenz und der Opferung Christi erhaltenswert. Aber sie stehen außerhalb der göttlichen Gnade. Angelegt ist ihre Rolle nach diesem Weltbild in dem großen Brief des Apostel Paulus an die Römer, der eine völlig ausgebaute Geschichtstheorie über die Juden im göttlichen Heilsplan enthält. Diese Theorie bleibt maßgebend für das Mittelalter. Aus dem Psalmvers (69, 24): „Ihre Augen mögen sich verdunkeln, daß sie nicht sehen, und sich krümmen ihre Rücken für immer" leitet das Christentum nach dem Vorgang von Paulus (Römer 11, 10) die unverrückbare Stelle des Juden im christlichen Gesellschafts- und Ständeaufbau ab. Hier ist die Grundstelle, von 311

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