Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die Gestalt des "Verworfenen Juden"
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 310 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger: Die Gestalt des „Verworfenen Jaden" Ein Versuch über Mythenbildang Der folgende Absdmitt ist einer größeren wissenschaftlidicn Arbeit des Verfassers (der mit dem Romansdiriftsteller nidit zu verwediseln ist. Red.) entnommen, die den Titel führen soll: .Judas — Die Verfemung eines Volkes': sie ist der Gestalt des Apostels Judas Isdiarioth nadi der Sdiilderung der Evangelien und ihrer Weiterbildung in der jüdisdien und diristlidien Legende wie auch in den Kulturdenkmalern des diristlichen Mittelalters gewidmet. Es wird die Frage gestellt und beantwortet: wie kam es. daß die Apostelgestalt Judas, die in der diristlidien Heilsgesdiidite eine fest umrissene Figur ist. zum .Judas" im Sinn des heutigen Sdilagworts. zum Abbild des jüdisdien Stammes, also zum Inbegriff alles Treulosen. Verrüterisdien und Habsüchtigen wurde, mit dem sidi bis heute die Volksphantasie vom Juden vermischte. Der folgende Abschnitt ist ein gekürzter Teil des dritten Kapitels. I. Die mittelalterlichen Legenden über Judas Ischarioth, den Verräterapostel aus den Evangelien, sind Ausschmückungen seines Lebens von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus Schilderungen seiner Höllcnstrafen. Die Figur des Judas ist im Neuen Testament nicht eigentlich „verständlich" gemacht, denn sie ist weder historisch noch psychologisch untermalt wie die Erzählung eines folgerichtigen, kausalen Ablaufes von Vorgängen und motivierten Handlungen mit menschlichen Zwecksetzungen. Die Evangelicngestalt wurde Anlaß eines sehr verbreiteten und blühenden Märchenstoffes; sie beschäftigte viele Jahrhunderte die Phantasie aller Volkskreise des christlichen Abendlandes. Die Darstellung dieses beliebten, für unsere Begriffe grotesken, üppig wuchernden Legendenkranzes — besonders in epischer und dramatischer Form — läßt sich für alle Sprachen- und Kuiturgebiete des Mittelalters nachweisen. Wandlung und Ausbreitung des Judas-Motivs in den Jahrhunderten sollen hier nicht im einzelnen dargestellt werden. Merkwürdig ist dabei die Beobachtung, wie in der meist lateinischen Legendenüberlieferung des Mittelalters deutlich Züge aus der Stimmung der Zeit über die zeitgenössischen Juden in die Darstellung allmählich eindringen. Was der Volksgeist hier aus sich erzeugt, ist angelegt in den bekannten christlichen Glaubensstücken von der Rolle der Juden im göttlichen Heilsplan; so kommt es zu einer Gleichsetzung des bestechlichen 3.10