Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 307 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Hohenpriesterstamm Vater brach in so ^heftiges Weinen aus, daß er die Brille abnehmen mußte, und erklärte mir unter Schluchzen, wie ich die Frömmigkeit des Großvaters daran sehen könne, daß er auf Freitagabend gestorben, daß „Frieden, Frieden, Frieden" der letzte Hauch seines Mundes gewesen, und daß es jetzt in sein Grab hinein regne. Da weinte ich auch und ergriff meines Vaters Hand und gelobte mir inwendig, meine Eltern nie mehr zu erzürnen und einen priesterhaften Wandel zu führen. Allein es zeigte sich bald, daß ich meine Eltern gerade durch das erzürnte, was ich einen priesterhaften Wandel nannte. Sie hielten es immerhin für möglich, daß meine Frömmigkeit, die sie im übrigen für nichts weiter als eine hartnäckige Spielerei ansahen, mich in den Beruf eines Seelsorgers drängen und den Glanz meiner Zukunft gefährden könne. Dann aber verursachten die vielen Religionsübungen, die ich meinem Großvater nachahmte, nicht unerhebliche Störungen im Haushalte, der auf eine solche Geistesrichtung nicht zugeschnitten und mir daher ebenfalls ein beständiger Anstoß war. Einmal schlug mir mein Vater, als ich gegen Sonnenaufgang gerichtet im Gebete stand, das Andachtsbuch aus der Hand, daß es zur Erde fiel. Als ich es im Aufheben dreimal küßte, lachten alle laut auf und nannten mich „Zadig". Nur meine Mutter machte „bscht"; denn sie sah, daß mir die Tränen in der Kehle steckten. Der einsame Leinpfad, der das Flußufer begleitete, zog mich nun täglich hinaus, und sobald ich die Stadt weit genug hinter mir hatte, ließ ich meinen Tränen freien Lauf, indem ich zum Himmel emporblickte und ihn mit aller Inbrunst anflehte, den Sinn meiner Eltern zu wenden, daß sie von der Strafe verschont blieben, der ich sie verfallen glaubte. Nur der Gedanke, daß ich als Erstgeborener aus Priestergeschlecht für die Sündenlosigkeit meines Hauses verantwortlich sei und dafür auch ein Opfer auf mich nehmen müsse, zwang mich zur Rückkehr; und wenn ich, das „Frieden, Frieden, Frieden" meines Großvaters aut den Lippen, den Heimweg zur Stadt antrat, wandte ich die Augen immer wieder in die Ferne der grauen Flußlandschaft zurück, als ob dort jemand sei, der allein wisse, was ich ertrug. Der Frieden kam in Gestalt einer alten gelähmten Frau, die neben dem Tempel wohnte und den Schlüssel zu ihm verwahrte. Da ich lange vor allen anderen zum Gottesdienste an Ort und Stelle war, hatte ich mir angewöhnt, den Schlüssel, statt auf den säumigen Diener zu warten, selbst zu holen und hatte auf diese Weise die Greisin kennen gelernt. Der hohe Lehnstuhl, in dem sie saß, war gewöhnlich ans Fenster geschoben, von dem man die alte Steinbrücke und eine mit Pappeln bestandene schilfige Insel in dem ruhig spiegeln- 307