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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 306

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Vom Hohenpriesterstamm
Date
1933-11-01
Page
306 (sequence 3)
Language
German
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Leo Sternberg Ich durfte auch mit in den Tempel gehen und, wenn mein Großvater zum Altare schritt und vorbetete, seinen Sitz einnehmen, mitten unter den alten Leuten, die mit ihren bartlosen strengen Bauerngesichtern auf den vordersten Bänken saßen. Als ich aber zum ersten Male laut in der heiligen Sprache das Tischgebet gesprochen hatte, nahm mein Großvater mich unter stummem Winke mit hinüber in sein Arbeitszimmer, wo die beiden feinen milchweißen Glashirsche auf der Kommode standen, prüfte mich auf das Verständnis der Stellen, über die ich hinweggehuscht war, und setzte mich in große Verlegenheit, indem er mich davon überzeugte, daß ich von vielem, was ich betete, nichts verstand; und ich schämte mich sehr, als er streng erklärte, daß ein solches Beten keinen Wert habe. Ich hörte nachts nicht mehr die Heimchen in den Wänden singen, sah nicht mehr die Blätterschatten der großen Dorfkastanic auf dem mondhellen Fußboden spielen, nicht mehr geisterhaft dazwischen die milchweißen Glashirsche sich bewegen — sondern hörte mich mit festgeschlossenen Augen Gebete und Gebote ab, in der inbrünstigen Hoffnung, daß der liebe Gott es vernehmen und mich nicht zum zweiten Male vor meinem Großvater demütigen möge. Ich behielt indessen eine solche Scheu, meine Frömmigkeit zu zeigen, daß ich es vermied, zugleich mit einem Andern vor den Mahlzeiten an dem wassergefüllten kupfernen Kessel zu erscheinen, der zum allgemeinen Gebrauch bei den religiösen Waschungen an langem schmiedeeisernem Arme hinter der Haustüre hing. Als ich freilich eines Tages gefragt wurde, was ich einmal werden wolle, hatte ich meine Antwort sofort bereit und sagte, daß ich das Priestertum erwählt habe. Mein Großvater nickte lächelnd, als wenn er dies längst gewußt hätte. Dann legte er mir die Hände auf den Scheitel, und während er unter geheimnisvollen Murmellauten dabei die Lippen bewegte, war es mir, als werde die Priesterweihe eben an mir vollzogen. Dieses Vorkommnis rückte mir plötzlich zu der Bedeutung einer gottvermittelten Berufung auf, als mein Großvater bald darauf starb. Ich erinnere mich noch, wie ich hinter dem mit zwei Kühen bespannten Wagen herschritt, der mich einst ebenso schrägliegend über Bäche und abschüssige Wiesen ins Heu gefahren hatte wie er jetzt den schwarzverhangenen Sarg trug, und wie ich es als erste Ausübung meiner Priesterpflicht empfand, daß ich außerhalb des „guten Orts" vor der niederen Tannenhecke mit meinem Vater stehen blieb, während das übrige Leichengefolge auf den Begräbnisplatz einzog. Da fing es an zu regnen, und mein 306

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