Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Vom Hohenpriesterstamm
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 308 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Sternberg den Flusse erblickte. Dort saß ich bald Stunden lang mit ihr im Gespräch, und sie belehrte mich, wie das Gotteshaus nebenan, bevor es seiner jetzigen Bestimmung übergeben war, nacheinander eine katholische Kapelle, ein Salzlager und eine protestantische Kirche gewesen und so den Gang der Welt versinnbildliche und einem Herzen gleiche, in dem alle Sinnesrichtungen zusammen Raum hätten. Wenn das Geläute der Domglocken über uns schwang, setzte sie die Unterhaltung aus und wir genossen schweigend die feierlichen Klänge. Ehe ich beim Sabbatlichtlöschen, das wir gemeinsam vornahmen, die silberne Nardenbüchse fortstellte, hielt sie das filigrangearbeitete Türmchen gegen das Fenster und entzündete meine empfängliche Seele, die bisher nur den Kultusgegenstand gesehen hatte, so warm für die Schönheit des Kunstwerks, das wie ein durchbrochener gotischer Kirchturm vergeistigt im Lichte schwebte, daß ich selbst in innerem Lichte stand. Sie sah dies wohl und führte mir eines Tages, als meine Berufewahl die Unterhaltung bildete, vor Augen, wie die Ausübung der Gottesliebe als Beruf wahre Priesterschaft nicht ermögliche, da sie aus dem Gefühl einen Erwerb mache und schließlich dazu führe, handwerksmäßige Geläufigkeit mit dem Schein innerer Aufforderung zu umkleiden, und wie deshalb unsre frömmsten und weisesten Schriftgelehrten alle ein Handwerk nebenher ausgeübt hätten, das sie ernährte. Ich hielt mich im Geheimen zwar für fällig, das Priesteramt auch ohne dies in idealer Weise zu erfüllen, aber ich hatte nun erfahren, daß auch die Anschauung des Schönen wie die Beschäftigung mit allem zu Gott führe und ein eigentlicher Unterschied zwischen den Berufen hierin gar nicht bestehe. Voll Erregung stellte ich mir vor, wie es meine Eltern freuen würde, wenn ich daher den Priesterberuf aufgebe,und gefiel mir indem Bewußtsein, daß ich damit meiner inneren Priesterschaft mit nichten untreu würde, um so weniger, als ich es für die Mission meines Geschlechtes ansah, dem Frieden zu dienen, wozu ich jetzt noch ein wärmeres Bedürfnis empfand, da ich, seit dem Verkehr mit der alten Frau ohne Ansprüche nach anderen Seiten, meine Eltern mehr liebte. Ich schwankte noch. Da saß ich eines Nachmittags neben dem Lehnstuhl der Greisin, die alte braune Lederbibel auf den Knien, und begann auf der Seite, die sie mir aufgeschlagen hatte, ohne zu wissen, was kam, vorzulesen: Wir saßen an den Wassern zu Babylon und weinten. . . Draußen rauschte der Fluß und die Pappeln der Insel krümmten in leisem Luftzuge die Spitzen. Sofort erfaßte mich die wehmütige Musik des hehren Klageliedes, wie eine Melodie, die in mir selbst geschlummert, und indem ich inwendig schon besiegt, weiter zu lesen bemüht war, schluchzte 308