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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 302

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Stefan George
Date
1933-11-01
Page
302 (sequence 8)
Language
German
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Michael Graupe 5. „Nur aus dem Fernsten her kommt die Erneuung", nicht schon aus der gewiß notwendigen Erweckung ureigener Kräfte, erst aus dem Gegensatz solcher Kräfte in uns, durch ihre Vermählung, Bindung und Überwindung auf höherer Ebene kann die Geburt des neuen Menschen sich vollziehen. Ist eine volkhafte Einheit solcher Zeugung nicht mehr fähig, vermag sie in verwandelter Zeit ihre^Gestalt nicht neu auszuprägen, so wird sie als Bild allmählich* erlöschen, als Art untergehen. Wo ein Stamm aber den lebendigen Keim zu neuer Gestalt in sich trägt, wird auch der Dichter nicht fehlen, der Seher, der sein großes „Stirb und werde!" spricht. Für Beruf und Erscheinung, Werk und Wirkung eines solchen geistigen Lenkers gibt Stefan George uns das gültige Maß. Wo ist nun — hebt sich die Frage — der Dichter, der gesandt ist, das Bild des neuen jüdischen Menschen klassischer Artung aus ahnendem Wissen und Wünschen, in vielleicht schon werdender Wirklichkeit, zu erschauen, zu gestalten? Unter den im Raum der deutschen Sprache und Bildung lebenden Juden gibt es drei Arten. Die einen, „jüdische Deutsche", wie sie gern sich nennen, weil sie das Deutsche als ihre Substanz, das Jüdische nur als Färbung ihrer Deutschheit empfinden, wollen und können sich auch nur als Deutsche gestalthaft erfüllen. Solange sie jüdische Wesenheit nicht als wirkende, bildende Kraft in sich spüren, werden sie jedem Künder einer neuen jüdischen Gestalt sich verschließen, werden die Edelsten das neue Bild des deutschen Menschen zu verwirklichen suchen. Im Gegensatz zu den „jüdischen Deutschen" empfinden die übrigen im deutschen Kulturkreis aufgewachsenen Juden ihre jüdische Wesenheit als bestimmend, die einen als mitbestimmend neben deutschen Formelcmcnten, die anderen als ausschlaggebend. Jene, in solchem Sinn „deutsche Juden", werden als Art nur dann bestehen können, wenn sie in geistig-leiblicher Gestalt sich neu und dauernd auszuprägen vermögen. Um zu erkennen, daß sie dem Untergang verfallen sind, wenn sie bleiben, was sie waren, mögen sie sich im Spiegel des georgeschen Gedichts — der Sprüche über Zeit und Zeitgenossen — betrachten. Die hohen auszeichnenden Eigenschaften allein, die sich aus der Verbindung, ja Verschmelzung deutscher und jüdischer Wesenszüge ergeben, können sie vom Zerfall nicht bewahren. Retten kann sie allein die echte „Kraft des Bluts", der Berge versetzende Glaube, daß sie sein werden, weil sie sein müssen. Aus solchem wirkenden Glauben muß auch der Dichter erstehen, der ihre klassische, bleibende Gestalt schauend und bildend schafft, muß 302

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