Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Stefan George
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 301 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Stefan George ihm ruht, niemand besitzen kann was ihn nicht erfüllt. So gibt es dreierlei Wissende, dreierlei Wissen: aus niederem Instinkt, aus höherer Erkenntnis, aus höchster Erleuchtung. So ist, wie der Dichter meint, nur dem Manne als Träger des befruchtenden Geistes die umfassende Herrschaft, dem mütterlichen Weibe die Ordnung im engeren Kreis der Liebe anvertraut. Alles Göttliche, alles Leben ist geheim, unzerlegbar, unzugänglich von außen, man kann nur von ihm erfüllt, nur seiner inne sein. Der Geweihte, der Eingeweihte ist immer auch der Verschwiegene: nur vor den Bereiten, nur zur günstigsten Stunde und nie zu weit darf er den Schleier lüften; denn „tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset". Die von der Strahlenkraft des Geistes Getroffenen aber, die Gewandelten schließen von selbst sich zum Ring, der jedem Einzelnen neue Kraft gibt und sie verstärkt von ihm zurückempfängt. So ist das neue, das geistige Reich gegründet, inmitten der irdischen Welt als eine Wirklichkeit in Gestalt der im neuen Geiste Lebenden. Der Grund ist gelegt, wachsen werden die Grenzen langsam, notwendig; entscheidend aber bleibt, was jetzt und hier geschieht, denn „was ihr heut nicht leben könnt wird nie". Zum wahren Leben leitet der Dichter, zu einem klaren und schönen Sein. Dazu bedarf es nicht des Blickes „bis hinab zum Grund", in die letzten, grauenvollen Tiefen. Er bescheidet sich, die ganze Wahrheit nicht zu schauen: Wer höchstes lebte braucht die deutung nicht Wir wären du wenn wir dich ganz erfaßt — Du gabst genug mir weiten zu bewegen: Den fußbreit festen grund worauf ich stehe. Auf sein Leben blickt er zurück, es hat ihn zum „Anfang echter Lehre" geführt: „In Kenntnis kennen, daß sie feil — Ein Weiser ist nur wer vom Gott aus weiß". Nun schreitet er durchs heilige Feld dem heiligen Ziele zu: Im einklang seh ich keim und welke Mein leben seh ich als ein glück. Von der Höhe dieses Gefühls wendet sich der Meister den Freunden zu, er entläßt sie „aus dem inneren Raum" zu weiterem Wirken. Auf Kampf und Sieg folgt am Ende das Fest Hier steigt „das heilige Loblied", tönt der große Schlußchor, der zwölfmal die Einigkeit in Gott verkündet, ausklingend: Gottes band hat uns umschlossen Gottes blitz hat uns durchglüht Gottes heil ist uns ergossen Gottes glück ist uns erblüht 301