Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Stefan George
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Graupe Nur wenn sein blick sie verlor Eigener Schimmer ihn trügt: Fehlt ihm der mitte gesetz Treibt er zerstiebend ins all. Erneuung kann immer nur aus engem Kreise kommen, dem die neue Stimme erklungen ist. Sie fordert Abkehr von der Lockung einer niederen Sinnenwelt, von dem welken Reiz, dem wehmütig-süßen Zauber des Untergangs. Sie fordert den strahlenden Leib, der sich hüllenlos zeigen darf, fordert Herzen voll Liebe und Eifer, heilige Nüchternheit des Werks. Es werden wieder Gebundene, wieder Glaubende sein. Sie sollen das Gesetz des Wechsels, des Auf- und Abstiegs auch im Leben der Völker kennen, aber es darf sie nicht drücken und wirren in der „bedingten Arbeit ihres Tags". Die das „neue Wort" vernommen haben, die nun im eignen Leben, in umgrenzten Bezirken wieder das klare Maß, das geschlossene Rund finden, sie geben der entseelten Welt wieder Sinn, lassen Gott wieder sichtbar werden, aus ihnen wird und wächst das „neue Volk". Als „neuer Stand" stellen sie „neue Tafeln" auf, Bilder des richtigen Lebens, Gesetze des wahren Seins, aus dem Wesen der Dinge geschöpft, hart und hoch, ja grausam und großartig wie die Natur. Für die Jugend ist Weichheit, Schwelgen, Tändeln verpönt, sie soll sich lösen von den Schlacken der stürzenden Zeit, „das Morsche aus dem Munde spein" und immer tatbereit „den Dolch im Lorbcerstrauße tragen". Schande, Schuld und Sühne, in erstarrenden Verbänden sinnentleerte Begriffe, haben im Bund der vom gleichen Geiste Ergriffenen wieder Kraft und Verbindlichkeit: wer durch sein Tun sich geschändet hat, richte sich selbst, wer gegen Seinesgleichen gefehlt hat, „sühne stumm mit Tat". Die geistige Einung in solchem Bunde ist nicht durch stoffliche Mittel zu stören: „von außen kommt kein Feind." Aber in hartem inneren Ringen um Sinn und Widersinn muß sie immer neu sich bewähren, dann bleibt sie unzerstörbar: „Übt an uns Mord und reicher blüht was blüht!" Wenn George gegen die Sucht der Zeit, Hohes zu erniedern und Niedres zu erhöhen, gegen die Einebnung aller Stufen, die Entwertung aller Werte sich wendet, gottgegebene Ordnungen und Ränge wieder neu ins Licht setzt, so scheint uns dies die „Gleichheit aller Menschen vor Gott" — in der Sprache der Religionen — nicht zu berühren, denn von gleichem Wert ist jeder Einzelne, der auf seiner Stufe sich erfüllt. Verderblich ist nur, zu meinen, alles stehe jedem offen, alles sei zu haben, indessen im besonderen Sein und Wesen jedes Einzelnen geheimnisvoll seine Fülle wie seine Grenze gegeben ist, also auch niemand haben kann was er nicht ist, niemand erwerben kann was nicht in 300