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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 297

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Stefan George
Date
1933-11-01
Page
297 (sequence 3)
Language
German
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Stefan George dem Bild der neuen Jugend, das er errichtet hat, antike Prägung eigen: Vervollkommnung aller geistigen, leiblichen, sittlichen Kräfte und schöne Ausgewogenheit aller Strebungen. Wie verschieden von der Gestalt des neuen Deutschen die des neuen Juden sein mag, solcher Prägung bedarf sie nicht minder. Hier die beispielhafte Erscheinung des Dichters: Abseits wachsend in entgotteter Zeit, gehorsam nur dem in ihm wohnenden Gesetz, hat er allmählich seinen ganzen Umfang entfaltet, der vom zarten Klang der Hirtenflöte bis zum gellen Fanfarenton der Schlachten reicht, von den leisen Schwingungen einer seltenen Seele bis zu den ehernen Gesetzen des einzelnen, gesellschaftlichen, staatlichen Lebens. Auf dem Wege der in gelöster Zeit allein echten Wirkung unmittelbar auf Wenige, und durch sie weiter auf wachsende Kreise, ist er endlich der Allgemeinheit sichtbar geworden. Er ist zu den verschütteten Klüften der deutschen Sprache bis zum Urgrund hinabgestiegen, hat aus den Schichten versunkener Bildungswelten verschollene Schätze gehoben, um erst sich sein Werkzeug zu schmieden, das neue dichterische Wort, das dem Göttlichen noch nahe, an das Tiefste der menschlichen Seele rührt, das noch vom Geheimnis umwittert, sich nur dem Empfänglichen erschließt, der brennend darum wirbt, das aber auch die ganze Fülle einer vergangenen Zeit in sich birgt. Im schöpferischen Bilde zeigt der Dichter uns Leben und Weh\ läßt er uns der Gesetze des Daseins inne werden. Immer ist was er darstellt das heut und ewig Gültige zugleich. Seine große Vision vom Verfall der Zeit, von der Geburt des neuen Menschen, seine Lehre vom rechten Leben ist im Stern des Bundes enthalten, einem Gedichtband, der vor dem Ausbruch des Weltkrieges erschienen ist. Hier ist jede Zeitenwende und damit zugleich die unserer Gegenwart geschaut, wie sie seithersich enthüllt hat. Hier ist die Geburt des neuen Menschen, des Trzg^t* einer neuen Zeit sichtbar, wie sie in jeder Weltenwende geschieht, wie sie darum heut auch für den Juden sich vollziehen muß, wenn seine Gestalt nicht verschwinden, sein Bild nicht untergehen soll. 3. Im Stern des Bundes kündet George den unabwendbaren Untergang einer Zeit, der Gott verloren gegangen ist, einer „entstellten und erkalteten Menschheit", die — wie der Dichter an anderer Stelle sagt — „sich mit ihren vielspältigen Errungenschaften und verästelten Empfindungen brüstete, indessen die große Tat und die große Liebe am Entschwinden war". Unersättliche Gier nach falschem Reichtum, Blindheit gegen die wahren Werte wirft der Dichter den Zeitgenossen vor: daß sie einem Moloch dienten, der nicht nach Gottes Bild erschaffen, also nicht 297

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