Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Stefan George
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Graupe Aber die Geburt des neuen jüdischen Menschen kann sich nicht schon durch Einverleibung des jüdischen Erbes vollziehen. Wir Juden stehen, mit den Völkern Europas und noch stärker darauf hingewiesen, an der Wende einer neuen Zeit, vor einer neuen Menschenform. Überall werden wir zu kämpfen, werden wir ein strenges und karges Leben zu führen haben, brauchen wir den Heroismus einer neuen Jugend, bedürfen wir einer fast antiken Gesinnung, einer starken geschlossenen Form, des Aufeinanderbezogenscins und Ausgewogenseins all der vielfachen Triebe und Kräfte. Gestaltwerdung bedeutet die Ausprägung des neuen Geistes auch im Leiblichen. Häufig fehlt dem Juden der Sinn für die Gestalt, weil er all zu sehr nur im Geistigen wurzelnd, sich oft gleichgültig, ja zuweilen feindselig verhält gegen Leib, Bild, Maß. Aber heute gilt es, auch die Gegenkräfte zu wecken, sich von einem tausendjährigen Fluche zu befreien, um nicht unterzugehen. Der deutsche Dichter unserer Tage, auf den wir weisen, Stefan George, hat mit denkwürdigem Spruche diesen Fluch des Allzujüdischen geformt, die Gefahr des Gestaltlosen, des Streifenden und Schweifenden, der Fremdheit gegen eine klare, mittaglich heitere hellenische Welt. Doppelt merkwürdig erscheint sein Spruch, weil er zugleich den Fluch des allzugermanischen Menschen enthält, des „vom wilden Jäger Odin" Umhergejagten, wie Gundolf es umschreibt. Beide, einander zu-, einander abgewandt, sieht der Dichter „gleich entfernt vom wahren Maße des runden und vollen Lebens": Ihr Äußerste von windumsauster klippe Und schneeiger brache! Ihr von glühender wüste!, so beginnt der Anruf an beide, . . . gleich entfernte Von heitrem meer und Binnen wo sich leben Zu ende lebt in weit von gott und bild! . . Blond oder schwarz demselben schooss entsprungene Verkannte brüder suchend euch und hassend Ihr immer schweifend und drum nie erfüllt! 2. Auf den deutschen Dichter Stefan George sei gewiesen als Seher des Niedergangs und Aufgangs, als Künder des neuen Menschen. Gewiß läßt sich sein Denkbild des neuen deutschen Menschen nicht übertragen, andere Züge werden dem neuen jüdischen Menschen eignen. Aber in Erscheinung und Wirkung, als Dichter im höchsten erst von ihm selbst wiederhergestellten Sinne, als Prophet und geistiger Führer bleibt George gleichwohl richtunggebend auch für uns. Ganz Deutscher ist er dennoch im Wesen dem antiken Menschen verwandt. So ist auch 296