Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Stefan George
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 298 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Graupe geistig, sondern stofflich sei, den nicht mehr beherrschten, sondern beherrschenden Mitteln, dem Geld. Er erkennt die untrüglichen Zeichen des Verfalls, hört schon den Hufschlag der apokalyptischen Reiter: Ihr baut verbrechende an maass und grenze: „Was hoch ist kann auch höher!" doch kein fund Kein stütz und flick mehr dient . . es wankt der bau. Und an der Weisheit end ruft ihr zum himmel: „Was tun eh wir im eignen schutt ersticken Eh eignes spukgebild das hirn uns zehrt?" Der lacht: zu spät für stillstand und arznei! Zehntausend muß der heilige Wahnsinn schlagen Zehntausend muß die heilige seuche raffen Zehntausende der heilige krieg. Dem Menschen des Niedergangs, der nichts mehr vom inneren Fug, vom Aufbau und Oesetz der Dinge weiß, der die Verbundenheit mit den Urkräften und Ordnungen der Natur verloren hat, gebietet der Dichter, zu schweigen, ihm dem Gottverlassenen, durch den alles entwertet worden, alles „sagbar" geworden ist, der alles auch „fragbar" gemacht hat, weil er — längst nicht mehr auf festem Grunde stehend — beliebig seinen Standpunkt wechseln kann. Einer hat sie gewarnt, Nietzsche, ihn haben sie nicht gehört, nun ist es zu spät: „dem Rad, das niederrollt zur Leere, greift kein Arm mehr in die Speiche." „Beim großen Brand", das weiß der Seher, wird auch Wertvolles stürzen; immer noch besser als Flickwerk und Kompromiß! Kulturdenkmäler werden untergehen: immer noch besser als ihr Scheindasein im „Sammelgrab" gelehrter Schriften und Museen — „die Art wie ihr bewahrt ist ganz Verfall"! Für die „Rückgewandten" hat der Dichter keinen Trost, kommenden Geschlechtern aber, die Leben als vom innersten Kern her glühend begreifen und leben werden, verheißt er, daß aus den Trümmern alles sich wieder fügen, alles wieder genesen wird, „nur daß unmerkbar neuer Hauch drin west". An die Zeitgenossen legt der Dichter die Sonde, wer von ihnen für das neue Leben taugen möge. Redlichkeit und guter Wille bewahren nicht vor unrettbarer Verstrickung in die sinkende Welt. Erfüllung wird nicht — wir sahen es bereits — den ewig Schweifenden, schwarzen wie blonden, nicht den Sehnsüchtigen, Einfühlsamen ohne eigne Mitte, eigne Fülle, nicht einer reckenhaften Jugend, die „später nicht Bestand" hat. Die Zukunftvollen aber sind, die was not tut früh schon spüren, sicher verrichten, Täter also, doch nur wahrhaft adlige, die zur Vollendung im Diesseits streben, selbst um den Preis des Untergangs, wenn sie nur 298