Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Vom totalen Staat
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 292 (sequence 9)
- Language
- German
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Kart Wilk wie ihn gegenüber dem totalen Staat erst die Verbindung herrschaftlich-autoritärer Staatsgestaltung mit wesentlichen persönlichen Freiheiten aufreißen würde11). Der Totalisierung des Staates wirken aber vor allem die außenstaatlichen Gemeinschaften entgegen, die von eigenen, in sich ruhenden Sinngehalten getragen werden. So kann eine Totalisierung des Staates, die auch das religiöse und kirchliche Leben in das staatliche einbeziehen will, zur Auseinandersetzung mit den Kirchen führen. Wenn die katholische Kirche ihren eigenen Anspruch auf beherrschende Durchdringung des gesamten Lebens behauptet, die evangelische ihre Forderung freier Verkündigung und Lehre aufrecht erhält, so gibt es für jene eine Verständigung, für diese einen Ausgleich mit dem Staat; aber beiden ist eine völlige Unterordnung unter den Staat ohne Aufgabe ihres inneren Gehalts unmöglich. Auch das Judentum als religiöse Gemeinschaft kann, wenn es sich selbst bewahren will, mit seinen Zwecken nicht völlig in den Staatszwecken aufgehen, sondern muß auf wechselseitige Abgrenzung des staatlichen und des religiösen Lebens bedacht sein. Eine besondere Schwierigkeit des Judentums gegenüber dem Totalitätsanspruch des Staates liegt dabei in der Begründung eines solchen Staates auf nichtjüdischer Religiosität. Gleich der kirchlichen Gemeinschaft muß die nationale Gemeinschaft als solche dem Staate widerstreben, der von sich und seinen Machtzwecken aus alles nationale Leben ergreifen will. Das gilt in erster Linie von den nationalen Minderheiten in national gemischten Staaten, deren Eigendasein mit der Totalität des Staates nicht nur äußerlich gefährdet, sondern innerlich sinnlos wird, weil sie ihre innere Selbständigkeit gegenüber dem vom Mehrheitsvolk getragenen Staate verlieren. So ist gerade vom Blickpunkt der deutschen Minderheiten her die Eigenständigkeit des Volks gegenüber dem Staate hervorgehoben und ist die notwendige innere Begrenztheit des Staates betont wordenlf). Das Problem erhebt sich auch für die Juden, sobald und soweit sie sich als nationale Minderheit empfinden. Aber auch die den Staat tragende Nation selbst kann nicht lediglich zum Gegenstand staatlicher Machtentfaltung werden, wenn sie ihre Eigenart als Nation nicht aufgeben will. Dabei ist es an sich gleich, worin dieser Eigenwert der Nation gesehen und wie ihr Wesen bestimmt wird. Gerade der Nationalsozialismus, für den sich die höchsten menschlichen Werte in der Nation verkörpern, r% * "2,d¥u Leioholz> «Die Auflösung der liberalen Demokratie in Deutschland und das autoritäre Staatsbild", Abschn. IV. ") Max Hildebert Boehm, „Das eigenständige Volk". 292