Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Vom totalen Staat
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 291 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895521-2903283--06606-2903319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom totalen Staat verbände zu entscheidenden politischen Mächten geworden. Beide Erscheinungsreihen, die außerstaatliche und die staatliche, spiegeln sich im Bewußtsein der Zeit: aus der erkannten und'am eigenen Leibe verspürten Unvollkommenheit und Hilflosigkeit der Wirtschaft und der Kultur erwächst das Gegenbild der staatlichen Planwirtschaft und der staatlich geeinten völkischen Gemeinschaft, aus der offenbaren Zerrissenheit des Staates das Gegenbild eines innerlich geschlossenen, starken Reichs13). Gegenbewegungen und Hemmungen Ist der totale Staat das Ziel einer politischen Bewegung, die aus bestimmten zeitgebundenen Bedürfnissen erwächst, so wird das Bild erst vollständig durch die Erkenntnis der entgegengesetzten oder danebenstehenden Bedürfnisse, aus welchen Gegenbewegungen oder Hemmungen der staatlichen Totalisierung erwachsen oder erwachsen können. Das Gegenbedürfnis nach Freiheit des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Wirkens der Einzelperson tritt freilich zurück, wenn der Druck der wirtschaftlichen Not übermächtig und die vereinheitlichende Kraft weltanschaulicher Gemeinsamkeit allgemein verbindlich wird. Das Freiheitsbedürfnis kann höchstens zu anderen Gegen- und Nebenbedürfnissen der Totalisierung verstärkend hinzutreten. Ein solches Gegenbedürfnis erwächst aus der Eigenart des Staates selbst. Die Gefahr, der totalen Ausbreitung seines Aufgabenbereichs nicht gewachsen zu sein und eben dadurch sich zu schwächen, drängt den Staat nicht nur zur inneren Totalisierung, sondern wirkt auf der anderen Seite zugleich seiner äußeren Totalisierung entgegen oder verlangsamt sie mindestens. Gerade das Bedürfnis nach Stärkung der Staatsgewalt für die Bewältigung der wirklich unausweichlichen neuen Aufgaben kann zur staatlichen Zurückhaltung führen gegenüber solchen Lebensbereichen, deren Beherrschung nicht unmittelbar dringlich ist. So wird der autoritäre Staat zuweilen geradezu als Gegensatz zum totalen Staate aufgefaßt"). Dabei wird allerdings die Gemeinsamkeit der Grundlagen beider Staatsgestaltungen und ihr innerer Zusammenhang verwischt; es wird andererseits die hemmende Wechselwirkung zwischen beiden überspitzt zu einem Gegensatz, 13) Die politischen Grundlagen der Bewegung zum totalen Staat werden (bei entschiedener politischer Stellungnahme) betont von Zehrer, „Rechts oder Links?" in „Die Tat", 23. Jhg. 7. Heft; Grueneberg, „Das neue Staatsbild", in „Die Tat", 23. Jhg. 9. u. 10. Heft Einseitig, weil auf die Sphäre des gesellschaftlichen Bewußtseins beschränkt: Freyer, „Revolution von rechts". ") Heinz O. Ziegler, „Autoritärer oder totaler Staat". 291