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Der Morgen · 1933-11-01 · Heft 5 (November 1933) · p. 290

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 5 (November 1933)
Article
Vom totalen Staat
Date
1933-11-01
Page
290 (sequence 7)
Language
German
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Kurt Wilk Ultramontanismus, englischem Kapitalismus und preußischem Sozialismus endet11). A° jenem Widerspruch krankt auch die Staats- und Gesellschaftslehre Othmar Spanns, die zur Überordnung des Staates über die Wirtschaft gelangt und damit den praktischen Kernpunkt der Totalisierung des Staates trifft12). Sie verkehrt die unzerreißbare dialektische Zusammenordnung von Einzelnem und Gemeinschaft in einen ausschließenden Gegensatz von Individualismus und Universalismus; sie konstruiert eine irreale Welt eigenwüchsiger Stände als Glieder des Gesellschaftsganzen und läßt dabei im Dunkeln, worin eigentlich das Wesen und das wechselseitige Verhältnis der einzelnen Stände besteht; sie erklärt endlich den Staat oder politischen Stand bald als einen Stand unter Ständen, bald als den Höchststand, der das Gesellschaftsganze in sich zusammenfaßt, und mündet damit in einen unlöslichen Widerspruch. Die Grundlagen konkreter politischer Gestaltung sind also nicht aus einem allgemeingültigen System der gesellschaftlichen Kategorien abzuleiten, sie sind vielmehr den besonderen Erfordernissen zu entnehmen, welche die Dynamik des gesellschaftlichen Geschehens im gegebenen geschichtlichen Zeitpunkt hervortreten läßt. Die Bewegung zum totalen Staat hat ihren Gmnd in einer doppelten Reihe solcher Erfordernisse. Die eine liegt in außerstaatlichen gesellschaftlichen Erscheinungen der Gegenwart, die andere im heutigen Staate selbst. Auf weiten, vom Staate emanzipierten Gebieten des gesellschaftlichen Lebens sind unerträgliche Funktionsstörungen eingetreten, deren Beseitigung den freien gesellschaftlichen Kräften nicht mehr gelingt und gegen die deshalb die gesammelte Kraft des Staates machtvoll eingesetzt werden soll. Es genügt, an zweierlei zu erinnern: einmal an die tiefe Strukturkrise der kapitalistischen Weltwirtschaft und die verschärfte Krise der deutschen Wirtschaft, das Endglied der langen Entwicklung einer vorwiegend staatsfreien Wirtschaft, die doch immer mehr in selbstgcschaffenen Bindungen und Fehlverknüpfungen erstarrte; zum anderen an die kulturelle Richtungslosigkeit und teilweise Entartung breiter Volksschichten, die aus der weitgehenden Freiheit des geistigen Lebens erwachsen war. Zugleich war der Staat selbst in Gefahr geraten, durch außerstaatliche gesellschaftliche Kräfte, die von ihm frei geworden waren, seinerseits derart beeinflußt zu werden, daß er seine Eigenart und seine Einheit verlor. So waren Wirtschaftsverbände, einzelne Unternehmer, Gewerkschaften, Kirchen, weltanschaulich gebundene Wehr- ") Spengler, „Preußentum und Sozialismus". ss) Spann, „Der wahre Staat", 3. Teil. 290

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