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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 275

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Solomon Schechter
Date
1933-10-01
Page
275 (sequence 2)
Language
German
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der Parnassim" betrachtet wurde (um ein ironisches Wort des jungen Forschers zu zitieren), ging seine Sendung zuerst nicht so stark zu seinen Stammesgenossen wie vielmehr an die große englische wissenschaftliche Welt, die seine Arbeiten und Pläne zu würdigen wußte. Die Universität Cambridge berief ihn als Dozent für rabbinische Wissenschaft und schaffte ihm die Möglichkeit zu den Forschungsreisen, die seine große Entdeckung, die geradezu umstürzlcrisch auf die Erforschung des hebräischen Schrifttums wirkte und mit der Entdeckung von Tell-el-Amarna verglichen worden ist, zu allererst ermöglichten. Die Geschichte dieser Entdeckung ist absonderlich und eigentümlich englisch: zwei Frauen, leidenschaftliche Amateur - Oricntalistinncn, brachten ihrem Freunde Schcchter von einer Orientreise einen wüsten Haufen von Manuskriptfetzen mit, die sie in Palästina aufgetrieben hatten. Und Schcchter findet hier zuerst — wie der Sternforscher, der einen neuen Planeten auftauchen sieht — ein Stück aus dem unbekannten hebräischen Original des Ben Sira, mit dem er sich lange beschäftigt hatte. Andere Stücke aus dem gleichen Original tauchen in der Bodleiana auf; und Schcchter wagt, geleitet durch eine Vermutung Elkan Adlers, zuerst die Hypothese, daß alle diese Handschriften und mehr au3 gleicher Quelle stammen: aus der G c n i z a h , dem Begräbnisplatz der alten Manuskripte aus der alten Synagoge in Cairo (Genizah das Verborgene). Als er selbst dorthin kam, fand er seine Erwartungen und die der wissenschaftlichen Welt weit übertroffen. Entdeckungen wie das Original des Ben Sira, Fragmente des Saadja, der Weisheit Salomos u. a. machten seinen Namen weltberühmt. * Aber Leben und Schicksal hielten noch andere, lebensnähere Aufgaben für diesen ungesättigten Geist in Bereitschaft. Schon während seiner englischen Universitätslaufbahn hatte er neben den klassischen Editionen, die in strenger Wissenschaftlichkeit abgefaßt waren, in einzelnen glänzend und geistvoll geschriebenen Charakterbildern, seinen „Jüdischen Studien", einem weiteren Leserkreis Gestalten aus der jüdischen Vergangenheit und geistige Strömungen der jüdischen Seele, wie etwa den Chassidismus, Nachmanides, den Gaon von Wilna, die „Heiligen von Safed" wieder zu beleben versucht. Er hatte ferner in einer Reihe von „Briefen an die Juden in England" drängende Gegenwartsfragen und Forderungen an die englische Judenhcit in einer unübertrefflich geschliffenen Sprache und mit der inneren Glut eines Sehers aufgestellt und zu lösen unternommen. Jetzt wurden die Führer der amerikanischen Judenhcit auf diesen ungewöhnlichen Mann aufmerksam; es gelang ihnen endlich, ihn 1901 für den Posten eines Leiters des kürzlich gegründeten Rabbiner-Seminars in New York Zugewinnen. Es war eine konservative Rabbiner - Bildungsstätte, der er nun seine besten Kräfte widmete — während in den Tagen der Jugend Claude Montefiore, der Führer <ies englischen liberalen Judentums, den Freund zu jüdischer Erziehungsarbeit gewonnen hatte. Und doch — er war derselbe geblieben. Aber die Entwicklung 275

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