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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 274

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Solomon Schechter
Date
1933-10-01
Page
274 (sequence 1)
Language
German
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Solomon Sdiechter I Forscher und Fahrer Wer diesen Mann auch nur einmal im Leben sah, der hat ihn nie vergessen: den grauen Wald seiner wirren Haare, den breiten l lut und den wehenden Mantel, das tiefdurchfurchte Antlitz und das stählerne Feuer seiner blauen Augen. Mit dem Nürnberger Ratsherrn Hieronymus Hol/schuher verglichen ihn seine Freunde, wie er auf Dürers Meisterbildnis immer noch lebt. Aber dieser Ratsherr hatte das Her/ und die Leidenschaft eines Juden ... und die Unrast, die seit eh und je unser Schicksal kennzeichnet. Gewiß, Solomon Sdiechter, Universitätsdozent von Cambridge u,,d später Leiter des Rabbinerserniiiars in New York, war ein hochgelehrter Mann, einer der größten Gelehrten seiner Generation. Aber wenn man an ihn denkt, so sieht man nicht etwa das Studier/immer in Cambridge oder in New York, wo die Bücher von allen Tischen und Stühlen purzeln, — sondern man sieht den lintdeckungsreisenden im fliegenden Mantel vor sich, wie er in der alten Synagoge von Cairo nach Handschriften gräbt wie andre Lntdcckcr nach Gold. Iis scheint, als ob dieses Menschen leidenschaftliche Seele sein Schicksal mitgeformt hätte. Wäre er nur Forscher und nur Gelehrter gewesen, so könnte, sein Bild heute nicht mit der Lebendigkeit vor uns steilen, als ob er unter uns weilte. Aber aus dem Forscher ward der Führer, der Kämpfer für lebendiges Judentum in einer in dumpfem Schlafe befangenen Zeit; aus dem Gelehrten von Cambridge ward der Vorkämpfer des amerikanischen Judentums. Darum begrüßen wir mit doppelter Freude eine höchst lebendige knappe Darstellung seines Lebens und Wirkens, die wir vor kurzem durch den auch bei uns wohlbekannten Norman Bcntwich erhielten. Denn es ist auch für uns heute wichtig, diesen Unvergessenen heraufzubeschwören: aus diesem Urgestein jüdischen Wesens strömen lebendige Quellen der Kraft zu uns herüber — die wir heut all unsre Kraft brauchen. # Sdiechter, der in der kleinen rumänischen Stadt Focsani 1817 geboren war, entstammte einem alten Geschlecht polnischer Chassidim; nicht umsonst hat er später dem Chassidismus eine seiner bedeutendsten Studien gewidmet. Aber seine wissenschaftliche Schulung erhielt er in Österreich und Deutschland, zumal in Berlin, wo damals eine Reihe der bedeutendsten jüdischen Forscher — Zun/, Steinschneider, Frankel und andere — sich zusammengefunden hatten. Der junge Sdiechter, tief verwurzelt in der jüdischen Volkskultur desOstjndentums, sucht und findet hier, was alle seine späteren Werke auszeichnet: Schulung durch die Methoden westlicher Wissenschaft. Hier in Berlin findet er auch den Freund, der die Richtung seines Lebens für die nächsten Jahrzehnte beeinflußt. Claude Montefiore sucht einen Mann wie ihn, um den englischen Juden die Wissenschaft des Judentums zu übermitteln, und nimmt ihn 18S2 mit sich nach England. Dort, w.> das Judentum „noch als eine Art Privateigentum 274

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