Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Deutschtum "und" Judentum
Date
1933-10-01
Page
266 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895520-2903214--06571-2903264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Franz Rosenzweig Darf ich hier an eine Stelle Ihres eignen Briefs, verehrte gnädige Frau, anknüpfen. Sie schildern den Weg der deutschen Vollkommenheit: „von Jerusalem über Athen nach Rom — von da über Dante zu Lionardo und dann über Rousseau zu Goethe und von ihm weiter zu allen denen die ,guten Willens* sind, in der Kunst und im Leben". Verzeihen Sie: das ist keine deutsche, das ist jüdischdeutsche Geschichtsphilosophie. Auch der entchristlichste Deutsche wird in diesem Weltweg der Vollkommenheit einem Ort einen andern Platz geben: er wird Jerusalem zwischen Rom und Dante stellen. Denn ihm, mag er noch so „frei" zum „Kreuz" stehen, ist jedenfalls Jerusalem nicht Moriah sondern Golgatha. Die Wirkung dieses Jerusalems wird er in Dante und Lionardo, doch auch in Rousseau und Goethe — beides „dezidierte Nichtchristen", „große Heiden" und dennoch „vielleicht die ersten Christen wie sie Christus gewollt hat" — finden und wird deswegen in der dort auf Golgatha beginnenden weltgeschichtlichen Linie trotz (und vielleicht wegen) aller Umbiegungen und Verschlingungen, die doch nie den Zusammenhang unterbrechen konnten, auch irgendwie die Richtung bestimmt sehen, die zu der Zukunft aller derer die guten Willens sind hinführt. So hat es ein so griechischer Mensch wie Wilhelm von Humboldt gesehen, als er die Judenemanzipation befürwortete als den Weg, der uns zwanglos — nicht mit dem Christentum zusammen auf einen Platz jenseits von Judentum und Christentum, sondern in ein gewiß gewandeltes, hellenisiertes, vergoethetes meinetwegen, aber immer doch Christentum hinein führen würde. Dieser stillschweigenden Voraussetzung der Befreier setzten unsere befreiten Urgroßväter und Großväter, setzten Mendelssohn und Geiger und Riesser und Zunz ebenso stillschweigend das alte „Werdet ihr wie wir!" des talmudischen Rabbis vor Kaiser Antonin entgegen. Diese beiden stillschweigenden Vorbehalte sind bis heute nicht aufgegeben und können nicht aufgegeben werden, solange die Christen Christen und die Juden Juden bleiben wollen. Aber sie können stillschweigende Vorbehalte bleiben, wie sie es ja von Anfang an und von beiden Seiten waren. Alles geschichtliche Zusammenleben beruht darauf, daß derartige Vorbehalte stillschweigend geduldet werden. Nicht weil die Duldung ein unbedingtes Gut wäre; ich unterschreibe ganz das Goethesche Lob der Intoleranz; aber beides, Duldung und Kampf, hat seine Zeit; wo die Zeit zum Geisterkampf noch nicht reif ist, da ist die Geisterduldung am Platz; auch die Weltgeschichte hat ihren Rhythmus von Schlaf und Wachen wie alle einzelnen Geschöpfe; und vielleicht gibt es Gegensätze, deren endgültiger Austrag bis zum jüngsten Tag" vertagt werden muß, vielleicht grade die größten Gegensätze, in denen der langatmigste Rhythmus 266

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.