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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 265

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Deutschtum "und" Judentum
Date
1933-10-01
Page
265 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Franz Rosenzweig: Deutschtum „und" Judentum von allem was mir das Leben um mich alle Tage zeigte. Mein Urgroßvater1), der Lehrer von Zunz und Jost, ist auch der Urgroßvater meiner Vettern und Cousinen E.2). Das hat mir früh einen großen Eindruck gemacht. Wenn ich also die Flinte nicht nach der einen oder andern Seite ins Korn werfen wollte — die eine Seite: Zionismus, die andre: Übertritt —, so mußte ich mir wohl überlegen, wie der Mittelweg (das „und" zwischen „Deutschtum und Judentum") so ausgebessert und befestigt werden könnte, daß man auf ihm wirklich „tutissimus" gehen könnte. Bisher war es mit dieser Tutissimität offenbar, wie viele figurae unter meinen Nächsten zeigten, nicht allzuweit her. Ich knüpfte an das an, was mich selbst, nachträglich zu meiner eigenen Verwunderung, auf ihm erhalten hatte. Es war wenig genug, alles irgendwie geknüpft an die Person meines Onkels Adam Rosenzweig. Durch ihn und nur durch ihn bekam ich Einblick und ein wenig auch Zutritt in das, was ich in dem Schriftchen eine „jüdische Welt" nenne. Ich danke ihm mehr als dies; ich habe durch ihn, stärker als durch Haus und Schule, als Kind die frühesten und auf lange bestimmenden Eindrücke von der deutschen Welt bekommen, der deutschen Welt der 40er und 50er Jahre, Ludwig Richter Schwind Rethel Cornelius Feuerbach, und Goethe Dürer Rembrandt vu par Ie temperament dieser Jahrzehnte (— also auch hier wieder in Einer Person Deutschtum und Judentum). Aber während diese deutschen Eindrücke später durch andre mächtigere und unmittelbarere überwachsen wurden und als dauernde Einwirkung hier nicht das Inhaltliche, sondern nur das — doch weit wichtigere — Allgemeine, der Eindruck eines den großen Dingen in bescheidenem Dienst gewidmeten Lebens, blieb, war es anders mit dem Jüdischen. Da blieb nicht bloß die Erinnerung an das leidenschaftliche Herz, das ihm bisweilen hiervon überlief — das erste wirkliche Pathos das ich in meinem Leben mit Augen gesehen habe — und an die ganze Gestalt, deren Züge von dieser Leidenschaft gemeißelt waren, sondern es blieben auch die einzelnen Eindrücke, wenig und doch genug um mir gegen die starken Einwirkungen einer Welt, die das Dasein oder mindestens die Daseinsberechtigung dieses Schatzes leugnet, Zuflucht und Kraftquelle zu werden. Diese Erfahrung persönlicher Art suchte ich nun in dem Schriftchen allgemein auszuwerten. Denn ich sah, deutlicher vielleicht als die meisten derer, die wie Sie und ich dem Judentum treu bleiben, die Mächtigkeit und den inneren Wert der Gegenkräfte, die sich in dem Deutschtum, dem es sich mit einem vertraulichen „und" genähert hat, gegen es richten. l> Samuel Meyer Ehrenberg. *) Die Vettern und Cousinen wurden Christen. 265

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