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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
262 (sequence 17)
Language
German
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Jakob Wassermann allen Seiten auf die Frage: wo geht es weiter? wo ist der Sinn, wo die Erfüllung? damit, wie es ist, kann es unmöglich sein Bewenden haben, es wäre ein zu stümperhaftes, zu unseliges Werk." Was sie so drängend gegen das Unaussprechliche hinauftrieb, gegen ein oberes Herrschendes, dunkel Gewußtes, war durch und durch chaotisch, getragen allein von einem Enthusiasmus, der als uferlose Flut in ihr strömte. Sie hatte keinen Namen dafür, vielmehr sie wagte nicht, ihm einen zu geben. Nannte sie es Gott, was war damit gesagt? Ein Hilfswort, von Jahrtausenden zerlaugt, zerdacht, entzaubert; Gesicht und Gestalt bekam es dadurch nicht, es blieb ein geisterhafter Strahl, ein Sternenblick. Dieses Zurückweichen vor der Wesenserfassung lähmte wieder das Verlangen in ihr, die widerstrebende Kreatur neben sich, alle diese verlorenen Väter, Mütter und Kinder, in die Arme zu schließen und emporzutragen, wenn nicht zu Gott, der war ja nirgends anzutreffen, außer vielleicht in der unvorstellbarsten Versenkung, so doch in das göttliche Vorreich. Denn dieser Begriff, „das Göttliche", war nicht so schaurig fern, grenzte nicht so ans Unerdenkliche wie das Bild von Gott, das zu schauen dem Menschen nicht die Fähigkeit verliehen war. Man kann sich leicht den kühnsten religiösen Spekulationen überlassen, wenn sie nicht durch Pflicht und Zwang des Alltags, des stetigen wiederkehrenden Lebenskampfes, auf ihre Echtheit und ihren wahren Gehalt erprobt werden. Da gerät man in die Schwärmerei, und Schwärmerei war Marie bis in den Tod verhaßt. Und da sie gerade in diesem Punkt streng mit sich ins Gericht ging, blieb ihr auch auf die Dauer nicht verborgen, woran es lag, daß sie die Seelen der Kinder nicht gewinnen, nicht über den trennenden Abgrund zu sich herüberziehen konnte. Höchstens zum Schein, nicht in Wirklichkeit. Trotzdem ihr jedes Kind, dem sie ein Asyl bot, Anlaß zu besonderer Herzensleistung wurde. Schicksal, Herkunft, Familie, Vergangenheit, alles bezog sie mit ein. Und sie glaubte nicht an einen hoffnungslosen Fall, nicht an Unverbesserlichkeit, nicht an angeborenes Laster. Sie hielt, nicht die menschliche Natur im allgemeinen, aber die kindliche für vcrwandclbar. Was sie als Möglichkeit berückte, ohne daß es vielleicht mehr war als eine traumhafte Formel, war eine pädagogische Provinz der Liebe. Und das, eben das erwies sich als nicht verwirklichbar. Warum? Sie schob es zuerst auf die Stadt. Gewiß, auch die Stadt war schuld, dieser ungeheure Wabenstock, dieser von der Erde ausgespieene Riesenklumpen, in dem alle Wurzelfasern bis zur Unkenntlichkeit verdorrt waren; dieses Mastodontengehirn im Präpariertiegel mit bloßgelegten Windungen und Blutadern; dieses schreckliche Scheinbild des Organischen, das organisierter Tod war. Wer etwas Reines 262

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